Was am 18. September 2026 in Créteil bei Paris als Protest französischer Schülerinnen und Schüler gegen fehlende Lehrkräfte und mangelhafte Schulgebäude begann, hat sich innerhalb weniger Wochen zu einer landesweiten politischen Krise ausgeweitet. Straßenblockaden und besetzte Schulen gingen in mehreren Städten mit Ausschreitungen, Bränden und Plünderungen einher. Zugleich wirft die französische Regierung Russland, China und Iran vor, die Unruhen über soziale Netzwerke zu verschärfen.
Damit stehen zwei Entwicklungen nebeneinander, die politisch kaum voneinander zu trennen sind: ein realer Konflikt um die Ausstattung staatlicher Lycées und eine Informationsschlacht, in der ausländische Akteure nach Einschätzung der französischen Regierung gesellschaftliche Bruchlinien ausnutzen. Ob ausländische Einflussnahme die Proteste tatsächlich organisiert oder nur begleitet und zugespitzt hat, ist damit nicht beantwortet.
Von Schulblockaden zu landesweiten Unruhen
Die ersten Aktionen richteten sich gegen den Lehrkräftemangel, überfüllte Klassen und den baulichen Zustand vieler Schulen. Bildungsgewerkschaften schlossen sich den Forderungen nach höheren Ausgaben für staatliche Lycées und besseren Lernbedingungen an. In kurzer Zeit erfasste die Protestwelle nach den vorliegenden Angaben Hunderte Einrichtungen im ganzen Land. Schülergruppen blockierten Zufahrten, errichteten Barrikaden und verhinderten teilweise den regulären Unterricht.
Mitte Oktober änderte sich der Charakter der Auseinandersetzungen. In Limoges wurde das 1883 errichtete Rathausgebäude durch einen Brand schwer beschädigt; aus Bordeaux und Marseille wurden Plünderungen von Geschäften gemeldet. Die Bezeichnung als „Pogrome“ wäre für diese Vorgänge ohne eine genauere Prüfung der einzelnen Ereignisse nicht belastbar. Reuters zufolge wurden bis zum 17. Oktober mehr als 2.000 Menschen festgenommen. Die Zahl von rund 800.000 Beteiligten ist als vorläufige Angabe zu verstehen.
Im selben Zeitraum wurden Solidaritätsaktionen in Italien, Belgien und weiteren europäischen Ländern angekündigt. Damit erhielt der französische Bildungskonflikt eine grenzüberschreitende Dimension. Von einer einheitlichen europäischen Bewegung kann daraus jedoch nicht automatisch geschlossen werden: Die Motive, die Organisation und die Größe der Aktionen außerhalb Frankreichs sind in den vorliegenden Angaben nicht näher belegt.
Paris reagiert auf iranische Informationsangriffe
Die französische Regierung begründet ihren Vorwurf ausländischer Einflussnahme zunächst mit öffentlich sichtbaren Informationskampagnen. Teheran beschuldigte Frankreich, Demonstrierende brutal zu behandeln und während der Zusammenstöße umfangreiche Menschenrechtsverletzungen zu begehen. Am 7. Oktober bestellte das französische Außenministerium den iranischen Botschafter ein und warf den offiziellen Konten des iranischen Außenministeriums vor, falsche Inhalte über die Proteste zu verbreiten.
Am 13. Oktober erhob Außenminister Jean-Noël Barrot auf einer OECD-Konferenz schwerwiegende Vorwürfe gegen Russland, China und Iran. Die Staaten nutzten demnach soziale Netzwerke, um Konflikte über Migration, Religion und internationale Ereignisse zu verschärfen und die politische Polarisierung vor der französischen Präsidentschaftswahl 2027 zu steigern. Das ist die offizielle französische Bewertung. Sie beschreibt eine Einflusskampagne, belegt aber nicht, dass ausländische Regierungen die Proteste ausgelöst oder die gewalttätigen Vorfälle unmittelbar gesteuert haben.
Besonders anfällig sind Themen, die sich leicht aus ihrem Zusammenhang lösen lassen. Beiträge über einzelne Straftaten von Migranten können Angst vor Zuwanderung verstärken; andere Beiträge stellen Polizei und Regierung pauschal als illegitim dar. Anonyme Telegram-Kanäle, gefälschte Profile und staatlich gelenkte Medien können solche Erzählungen schnell verbreiten. Die politische Wirkung entsteht dabei nicht zwingend durch eine vollständige Erfindung. Häufig genügt es, reale Vorfälle selektiv auszuwählen, emotional aufzuladen und mit unbelegten Behauptungen über eine angeblich unmittelbar bevorstehende Staatskrise zu verbinden.
Ein bekanntes Muster französischer Debatten
Paris verweist auf frühere Erfahrungen. Während der Proteste der Gelbwesten Ende 2018 untersuchten französische Behörden rund 600 Konten, die Verbindungen nach Russland zugeschrieben wurden und unter dem Hashtag #giletsjaunes Desinformation verbreitet haben sollen. Dazu gehörten Darstellungen Frankreichs als tief gespaltenem Land am Rand eines Bürgerkriegs. Die damaligen Vorgänge werden heute als Vergleich herangezogen, nicht als Beweis dafür, dass die aktuellen Schülerproteste nach demselben Muster gesteuert werden.
Auch die britische Debatte über den Brexit und die deutsche Auseinandersetzung über den Ukraine-Kurs bilden den Hintergrund der französischen Warnungen. Ein Bericht des britischen Intelligence and Security Committee aus dem Jahr 2020 befasste sich mit russischen Aktivitäten rund um Wahlen und Referenden im Vereinigten Königreich. In Deutschland wurden Anfang Oktober 2026 in Sachsen-Anhalt Stimmen der AfD und des Bündnisses Sahra Wagenknecht für eine Resolution zusammengeführt, die ein Ende der militärischen und finanziellen Unterstützung der Ukraine sowie die Aufhebung der Sanktionen gegen Russland forderte. Politische Überschneidungen mit russischen Interessen sind allerdings nicht automatisch ein Nachweis russischer Steuerung.
Der strategische Nutzen für Moskau läge nach Einschätzung der französischen Regierung vor allem in der Verstärkung bestehender Konflikte. Migration, soziale Ungleichheit, religiöse Spannungen und die Kosten der Russland-Sanktionen können gleichzeitig unterschiedliche Bevölkerungsgruppen mobilisieren. Eine Regierung, die auf der Straße mit Gewalt und im Netz mit Desinformation konfrontiert ist, verliert leichter die Kontrolle über die politische Deutung des Geschehens. Für Russland wäre eine solche Polarisierung besonders wertvoll, weil sie die europäische Unterstützung für die Ukraine und die Geschlossenheit gegenüber Moskau schwächen könnte.
Die offene Frage der Belege
Die Proteste haben damit zwei Ebenen. Ihre soziale Grundlage liegt in den von Schülern und Gewerkschaften formulierten Problemen des französischen Bildungssystems. Die zweite Ebene betrifft die Verbreitung und politische Nutzung der Bilder, Gerüchte und Schuldzuweisungen, die während der Unruhen entstehen. Beides kann gleichzeitig wahr sein: Ein berechtigter Schulstreik kann von externen Akteuren propagandistisch ausgeschlachtet werden, ohne dass diese Akteure die Bewegung geschaffen haben.
Für die weitere Entwicklung wird entscheidend sein, ob die französischen Behörden konkrete Netzwerke, Geldflüsse oder koordinierte Kampagnen offenlegen können. Bis dahin bleiben die Vorwürfe gegen Russland, Iran und China eine offizielle Einschätzung der französischen Regierung. Sicher ist bereits, dass die Gewalt und die digitale Aufladung der Proteste den ursprünglichen Streit über Schulen überlagern. Aus einer Auseinandersetzung um Lehrkräfte und Gebäude ist ein Test für Frankreichs Fähigkeit geworden, soziale Unzufriedenheit und ausländische Einflussversuche zugleich zu bewältigen.
