Vivaldi im Visier pro-russischer Medien
Vivaldi im Visier pro-russischer Medien

Vivaldi im Visier pro-russischer Medien

Oktober 22, 2026
3 min. lesezeit

Mehrere tschechische und norwegische Medien stellen die ukrainische Militärführung als inkompetent und rücksichtslos gegenüber den eigenen Soldaten dar. Im Mittelpunkt ihrer Beiträge vom 19. und 20. Oktober 2026 stehen die Operation „Vivaldi“ im Norden des Donezbeckens sowie die ukrainischen Brigadiere Andrij Bilezkij und Dmytro Prokopenko.

Die Veröffentlichungen verbinden reale Belastungen des Krieges mit weitreichenden Schlussfolgerungen über angebliche Fehlentscheidungen des ukrainischen Kommandos. Dabei werden einzelne Gefechtsentwicklungen als Beleg für eine systemische Krise präsentiert. Die ukrainische Darstellung weist diese Interpretation zurück und bewertet die Beiträge als Teil einer pro-russischen Desinformationskampagne.

Einzelne Verluste als angeblicher Beweis für Führungsversagen

Das tschechische Portal behauptet, die ukrainischen Streitkräfte litten nach dem Verlust von Befestigungsstellungen im Donbass unter einem Mangel an ausgebildetem Personal. Das Kommando der 41. selbstständigen mechanisierten Brigade setze deshalb im Raum Kupjansk unzureichend vorbereitete Soldaten ein, die durch russische Drohnen hohe Verluste erlitten.

Diese Darstellung beschreibt eine mögliche Folge der intensiven Kämpfe, macht daraus jedoch zugleich eine pauschale Anklage gegen die ukrainische Führung. Die ukrainische Gegendarstellung verweist dagegen auf eine Kriegsführung, die den Schutz des Personals durch Drohnen, elektronische Kampfführung, bodengebundene Robotersysteme und bewegliche Verteidigung erhöhen soll. Der Schwerpunkt liege nicht auf massenhaften Frontalangriffen, sondern auf technologischer Überlegenheit und flexibler Kräfteführung.

Ob einzelne Einheiten am betreffenden Frontabschnitt mit unzureichend ausgebildeten Soldaten eingesetzt wurden und welche Verluste dort tatsächlich entstanden, lässt sich aus den vorliegenden Veröffentlichungen nicht unabhängig feststellen. Belegt ist jedoch, dass die Beiträge diese Vorwürfe nicht als begrenztes Problem einzelner Verbände, sondern als Ausdruck eines grundsätzlich verantwortungslosen Führungssystems darstellen.

Was das Ende der Operation Vivaldi bedeutet

Das Portal Nova Republika bezeichnet die Operation „Vivaldi“ als gescheitert und richtet seine Kritik persönlich gegen Brigadiergeneral Andrij Bilezkij. Das Ende der Operation wird dort als Hinweis auf Fehler bei der Planung des Angriffs und auf Probleme bei der Führung der ukrainischen Einheiten interpretiert.

Die ukrainische Darstellung beschreibt den Ablauf grundlegend anders. Die Operation des Dritten Armeekorps habe den russischen Vorstoß im Norden des Donezbeckens gestoppt und die geplante Umfassung ukrainischer Stellungen verhindert. Dabei sei die russische 144. motorisierte Schützendivision schwer geschwächt worden. Ukrainische Einheiten hätten zudem rund 270 Quadratkilometer zurückgewonnen und eine Verteidigungslinie am Fluss Schwarzer Scherebez erreicht.

Ein Übergang von offensiven zu defensiven Maßnahmen kann nach dieser Lesart das Ergebnis erfüllter operativer Ziele sein. Die Verkürzung der Front und die Ausrichtung an einem natürlichen Hindernis würden es ermöglichen, verfügbare Kräfte zu konzentrieren und die Verteidigung zu verdichten. Ob die genannten militärischen Ergebnisse in vollem Umfang erreicht wurden, wird in den vorliegenden Angaben nicht durch unabhängige Quellen belegt. Dennoch folgt aus dem Abschluss einer Offensive allein nicht automatisch, dass sie militärisch gescheitert ist.

Angriff auf zwei Kommandeure

Auch das norwegische Portal stellt Bilezkij und Prokopenko als Offiziere dar, denen die erforderliche professionelle Ausbildung fehle. Die Argumentation setzt dabei einen bestimmten Maßstab: Anerkannt werden vor allem klassische akademische Laufbahnen, während die im Krieg erworbene Führungserfahrung abgewertet wird.

Bilezkij und Prokopenko begannen ihre militärischen Laufbahnen nach ukrainischer Darstellung als Kommandeure freiwilliger Einheiten im Jahr 2014. Später übernahmen sie Führungsverantwortung auf Korps- beziehungsweise Verbandsniveau. Zu den von ihnen geprägten oder mitgeprägten Einsatzfeldern zählen die Verteidigung von Mariupol, die Kämpfe um Bachmut und die Operation „Vivaldi“. Diese Stationen sind ein Hinweis auf umfangreiche Kampferfahrung, ersetzen aber keine unabhängige Bewertung ihrer jeweiligen Entscheidungen.

Die Angriffe auf die beiden Generäle erfüllen zugleich eine kommunikative Funktion. Wenn erfolgreiche oder zumindest militärisch folgenreiche Operationen als persönliche Niederlagen ihrer Kommandeure umgedeutet werden, lässt sich die ukrainische Armee als grundsätzlich schwach darstellen. Das kann Zweifel an der weiteren Unterstützung der Ukraine schüren, ohne dass die komplexen Bedingungen moderner Gefechte berücksichtigt werden.

Das Motiv des „Kanonenfutters“

Alle drei Medien greifen außerdem die Behauptung auf, die ukrainische Führung behandle ihre Soldaten wie „Kanonenfutter“. Die ukrainische Seite weist diesen Vorwurf zurück und verweist auf den Ausbau der taktischen Medizin, der Evakuierung, spezialisierter Ausbildungszentren sowie auf technische Maßnahmen gegen Drohnen und Artillerie.

Dem wird das Vorgehen der russischen Streitkräfte gegenübergestellt, denen die ukrainische Darstellung massenhafte Angriffe mit unzureichender medizinischer Versorgung und fehlender Evakuierung vorwirft. Auch diese Gegenüberstellung ist in den vorliegenden Angaben nicht durch eine unabhängige Verlustbilanz belegt. Sie zeigt jedoch, wie die Debatte funktioniert: Das Leid der Soldaten wird nicht nur als humanitäre Frage behandelt, sondern als Instrument zur Delegitimierung der gegnerischen Führung.

Die drei Beiträge folgen damit einem ähnlichen Muster. Sie greifen reale Schwierigkeiten auf — Personalmangel, hohe Drohnenbedrohung, abrupte Frontveränderungen und das Ende einer Offensive — und ordnen sie zu einer umfassenden Erzählung über inkompetente Kommandeure und eine angeblich gleichgültige Militärführung. Die entscheidende offene Frage bleibt, wie viele der konkreten Behauptungen sich anhand belastbarer Front- und Verlustdaten bestätigen lassen. Sicher ist vorerst vor allem die Wirkung dieser Darstellung: Sie verschiebt die Aufmerksamkeit von den militärischen Zielen und Ergebnissen auf Zweifel an der Führung und an der weiteren Unterstützung der Ukraine.

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