Russlands Regionen zahlen für den Schuldendienst mit Sozialausgaben
Russlands Regionen zahlen für den Schuldendienst mit Sozialausgaben

Russlands Regionen zahlen für den Schuldendienst mit Sozialausgaben

Oktober 22, 2026
3 min. lesezeit

In Russlands Regionen wird Geld, das für höhere Gehälter im öffentlichen Dienst vorgesehen war, zunehmend zur Bedienung von Schulden verwendet. In den Gebieten Tomsk und Archangelsk wurden dafür im Herbst 2026 zusammen mehr als 1,4 Milliarden Rubel aus entsprechenden Rücklagen abgezogen. Die Entscheidungen zeigen, wie steigende Zinslasten und kriegsbedingte Ausgaben den Spielraum der regionalen Haushalte verengen.

Die Entwicklung steht im Gegensatz zu Moskaus regelmäßigem Hinweis auf die im internationalen Vergleich niedrige Staatsverschuldung Russlands. Zwar soll die föderale Schuldenquote 2026 nach Angaben des russischen Finanzministeriums bei 19,9 Prozent der Wirtschaftsleistung liegen. Entscheidend für den Alltag in den Regionen ist jedoch nicht nur die Höhe des Schuldenstands, sondern der wachsende Betrag, der für Zinsen und andere Schuldendienstleistungen gebunden wird.

Geld für Gehaltserhöhungen wird umgewidmet

Im Gebiet Tomsk beschloss die Regionalregierung, 787,3 Millionen Rubel aus einer Rücklage für Gehaltserhöhungen zu entnehmen. Das Geld soll nicht zur Tilgung des eigentlichen Schuldbetrags dienen, sondern zur Zahlung von Kreditzinsen. Über die Entscheidung berichtete The Insider unter Berufung auf einen Beschluss der Regionalregierung.

Der Schuldenstand des Gebiets lag zum 1. Oktober 2026 bei 59,5 Milliarden Rubel. Davon entfielen 26,7 Milliarden auf Haushaltskredite, 21,8 Milliarden auf ausgegebene Wertpapiere und 11 Milliarden auf Bankkredite. Besonders stark wuchs die kommerzielle Verschuldung: Seit Jahresbeginn verdoppelte sie sich von 5 auf 11 Milliarden Rubel.

Die Umwidmung betrifft damit unmittelbar den finanziellen Spielraum für Beschäftigte in Schulen, Krankenhäusern und anderen staatlichen Einrichtungen. Ob und wann die vorgesehenen Gehaltserhöhungen nachgeholt werden, bleibt offen. Sicher ist zunächst nur, dass die Rücklage für diesen Zweck kleiner geworden ist.

Auch im Gebiet Archangelsk wurde die entsprechende Reserve im September und Oktober zweimal gekürzt. Insgesamt wurden 618,6 Millionen Rubel entnommen. Davon gingen 366,6 Millionen in den Schuldendienst und 252 Millionen in den Reservefonds der Regionalregierung.

Bereits im Frühjahr war die Rücklage nach einem Beschluss des Regionalparlaments um knapp 2 Milliarden Rubel verringert worden. Diese Mittel waren für die Rückzahlung von Verbindlichkeiten gegenüber Geschäftsbanken vorgesehen. Im Herbst wurden zunächst 258,1 Millionen Rubel umgeschichtet: 186,1 Millionen für den Schuldendienst und 72 Millionen für den Reservefonds. Mit einem weiteren Beschluss wurden am 1. Oktober nochmals 360,5 Millionen Rubel entnommen, davon 180,5 Millionen für Schulden und 180 Millionen für den Reservefonds.

Für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst bedeutet das eine Verschiebung der geplanten Lohnsteigerungen. Die regionalen Behörden erfüllen zunächst ihre Verpflichtungen gegenüber Kreditgebern, während die Mittel für höhere Einkommen auf unbestimmte Zeit zurückgestellt werden.

Belgorod: Achtmal höhere Schuldendienstkosten

Besonders deutlich ist die Verschiebung der Prioritäten im Gebiet Belgorod. Dort stiegen die Ausgaben für den Schuldendienst von 540 Millionen Rubel im Jahr 2024 auf 4,24 Milliarden Rubel im Jahr 2026. Das entspricht nahezu einer Verachtfachung.

Parallel nahm die Verschuldung bei Geschäftsbanken stark zu. Anfang 2024 hatte die Region nach den vorliegenden Angaben keine entsprechenden Verbindlichkeiten. Anfang 2025 waren es 4 Milliarden Rubel, im März desselben Jahres 9 Milliarden. Zum 1. Oktober 2026 erreichte der kommerzielle Schuldenstand 17,9 Milliarden Rubel.

Der Gouverneur des Gebiets, A. Schuwajew, erklärte, dass die Umverteilung von 5 Milliarden Rubel auf den Krieg und damit verbundene staatliche Aufgaben einen zusätzlichen Druck auf den Haushalt ausgeübt habe. Die Angaben machen deutlich, wie regionale Kreditaufnahme und kriegsbedingte Umschichtungen zusammenwirken: Wenn Einnahmen und reguläre Transfers nicht ausreichen, werden laufende Ausgaben über Kredite finanziert. Der spätere Schuldendienst belastet dann wiederum dieselben Haushalte, aus denen Sozial- und Personalausgaben bezahlt werden sollen.

Diese Entwicklung ist nicht auf einzelne Regionen beschränkt. Nach Angaben des russischen Ratinghauses Expert RA stieg die gemeinsame Verschuldung der Regionen 2025 um 10,6 Prozent auf 3,5 Billionen Rubel. Das war der höchste Stand seit 15 Jahren. Die Ausgaben für den Schuldendienst nahmen im selben Jahr um 39 Prozent zu.

Der Bund hält die Schuldenquote niedrig – und erhöht die Zinslast

Präsident Wladimir Putin hat wiederholt auf die vergleichsweise geringe russische Staatsschuldenquote verwiesen. Für 2026 veranschlagt das Finanzministerium den föderalen Schuldenstand mit 46,2 Billionen Rubel beziehungsweise 19,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Damit liegt Russland deutlich unter den in diesem Zusammenhang häufig genannten Quoten der Vereinigten Staaten oder Italiens.

Eine niedrige Schuldenquote verhindert jedoch nicht, dass der Schuldendienst im Haushalt an Gewicht gewinnt. Für 2026 sind dafür 3,9 Billionen Rubel eingeplant. Das entspricht 8,8 Prozent der gesamten Ausgaben des Bundeshaushalts. 2021, vor dem Beginn der groß angelegten Invasion der Ukraine, waren es 4,4 Prozent. Nach der mittelfristigen Haushaltsplanung soll der Anteil 2027 auf 9,4 Prozent und 2029 auf 10,6 Prozent steigen.

Der Unterschied zwischen Schuldenstand und Schuldendienst ist für die Regionen entscheidend. Ein Staat kann im Verhältnis zu seiner Wirtschaftsleistung relativ wenig verschuldet sein und dennoch hohe Zinszahlungen leisten müssen – etwa dann, wenn Kredite zu höheren Zinssätzen aufgenommen wurden, die Laufzeiten ungünstig sind oder die Verschuldung rasch wächst. In Tomsk zeigt sich dieser Mechanismus an der Verdoppelung der Bankkredite. In Belgorod wird er durch den sprunghaften Anstieg der Kosten und der kommerziellen Verbindlichkeiten sichtbar.

Zusätzlichen Druck erzeugen die Ausgaben für den Krieg. Nach der vorliegenden Haushaltsplanung sollen sie von 12,9 Billionen Rubel im laufenden Jahr auf 17,1 Billionen Rubel 2027 steigen. Damit wird ein immer größerer Teil der staatlichen Mittel für militärische Zwecke gebunden. Für die Regionen bleibt weniger Raum, um Gehälter zu erhöhen, soziale Leistungen auszuweiten oder neue Kredite zu vermeiden.

Die Entscheidungen in Tomsk und Archangelsk sind deshalb mehr als einzelne Haushaltskorrekturen. Sie zeigen, wie eine wachsende Zinslast bis in Schulen, Krankenhäuser und Behörden durchschlägt. Die zentrale Frage für die kommenden Haushaltsjahre ist, ob Moskau die regionalen Budgets ausreichend entlastet – oder ob weitere Gehalts- und Sozialreserven zur Finanzierung von Schulden und Kriegsausgaben herangezogen werden.

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