Russland verteuert ausländische Spirituosen und schützt zugleich seine Abfüllbetriebe
Russland verteuert ausländische Spirituosen und schützt zugleich seine Abfüllbetriebe

Russland verteuert ausländische Spirituosen und schützt zugleich seine Abfüllbetriebe

November 5, 2026
3 min. lesezeit

Russland erhöht die Einfuhrabgaben auf Spirituosen aus Staaten, die Moskau als „unfreundlich“ einstuft, deutlich. Der Zollsatz steigt von 20 auf 35 Prozent des Warenwerts, zugleich wird der Mindestbetrag von 3 auf 5 Euro je Liter angehoben. Die Regelung soll dem Staat 2027 zusätzliche Einnahmen bringen und russischen Herstellern einen größeren Anteil am Markt sichern.

Die Änderung geht auf eine Regierungsverordnung vom 31. Oktober 2026 zurück, die nach Medienberichten auf dem offiziellen Rechtsinformationsportal veröffentlicht wurde. Die neuen Abgaben gelten mindestens bis zum 31. Dezember 2027. Über die Maßnahme berichteten unter anderem und RBC.

Zwei Tarife für einen Markt

Betroffen sind unter anderem Whisky, Rum, Gin, Wodka, Liköre, nicht vergällter Ethylalkohol und weitere Destillate aus Trauben. Für Traubenbrände in Behältern mit mehr als zwei Litern Inhalt gilt jedoch weiterhin der bisherige Satz von 20 Prozent beziehungsweise mindestens 3 Euro je Liter, wenn die Ware zur Abfüllung oder Weiterverarbeitung in russischen Betrieben bestimmt ist.

Diese Ausnahme ist wirtschaftlich entscheidend. Sie nimmt nicht nur lose eingeführte Rohstoffe aus dem stärksten Preisdruck, sondern soll auch verhindern, dass russische Abfüll- und Verarbeitungsanlagen ihre Lieferungen verlieren. Fertig abgefüllte ausländische Marken werden damit deutlich stärker belastet als importierte Vorprodukte für die heimische Produktion.

Nach Darstellung der russischen Regierung sollen die höheren Zölle im kommenden Jahr rund 10 Milliarden Rubel zusätzlich in den föderalen Haushalt bringen. Gleichzeitig sollen Verbraucher zu Produkten russischer Hersteller wechseln. Alexander Stawzew vom Informationszentrum WineRetail bezifferte den Anteil in Russland hergestellter Fertigprodukte auf etwa 55 Prozent des Marktes; lose eingeführte Rohstoffe sind in dieser Zahl nicht enthalten.

Die Abgabe ist nicht ausdrücklich als Finanzierung militärischer Ausgaben ausgewiesen. Sie fällt jedoch in eine Phase, in der Moskau wegen der hohen Kosten des Krieges gegen die Ukraine, eingeschränkter Energieexporte und sinkender beziehungsweise unsicherer Rohstofferlöse nach zusätzlichen Einnahmen im Inland sucht. Der Staat versucht damit, einen stärker abgeschotteten Konsummarkt zugleich fiskalisch zu nutzen und industriepolitisch zu lenken.

Der Preis wandert durch die Lieferkette

Den Zoll entrichten zunächst die Importeure. Wirtschaftlich muss die Belastung aber nicht bei ihnen bleiben: Sie kann über Großhändler und Einzelhandel bis zu den Kunden weitergegeben werden. Wie stark die Preise tatsächlich steigen, hängt unter anderem von Wechselkursen, Lagerbeständen, bisherigen Einkaufspreisen und den Margen der Händler ab.

Ausländische Spirituosen gelangen bereits unter erschwerten Bedingungen nach Russland. Sanktionen, Zahlungsbeschränkungen und längere Transportwege verteuern die Einfuhr. Der neue Zoll verschärft diesen Druck und dürfte vor allem Produkte treffen, bei denen Käufer leichter auf andere Marken oder günstigere Kategorien ausweichen können. Hochpreisige Waren könnten für zahlungskräftige Kunden verfügbar bleiben, während Importe im mittleren Preissegment stärker unter Druck geraten.

Die Maßnahme betrifft deshalb mehr als Hersteller und Geschäfte. Spediteure, Zollagenten, Versicherer und Lagerhäuser für verbrauchsteuerpflichtige Waren hängen ebenfalls von diesen Warenströmen ab. Sinkende Importmengen könnten ihr Geschäft verkleinern. Ob die Unternehmen dadurch ihre Preise für andere Transporte, etwa von Lebensmitteln oder Kleidung, erhöhen, ist dagegen offen. Das würde davon abhängen, wie groß der Alkoholsektor für ihre Auslastung ist und wie leicht sich die verlorenen Aufträge ersetzen lassen.

Auch russische Produzenten könnten ihre Preise anheben, selbst wenn sie Marktanteile gewinnen. Sobald importierte Marken teurer werden, vergrößert sich der Spielraum für heimische Anbieter. Die Folge wäre dann nicht zwangsläufig ein einfacher Wechsel zu billigeren russischen Produkten, sondern möglicherweise eine allgemeine Verteuerung von Spirituosen.

Wie belastbar ist das Einnahmeziel?

Die erwarteten 10 Milliarden Rubel setzen voraus, dass der höhere Zoll die Einnahmen steigert, ohne die legalen Einfuhren zu stark zu verringern. Genau darin liegt das fiskalische Risiko. Wenn Importeure ihre Bestellungen deutlich reduzieren, kann der Staat zwar einen höheren Satz verlangen, aber auf eine kleinere Bemessungsgrundlage anwenden. Dann sinken möglicherweise nicht nur die Zolleinnahmen, sondern auch die Einnahmen aus Verbrauchsteuern und Mehrwertsteuer.

Spirituosen gehören zudem zu Waren, deren Kauf Verbraucher verschieben oder durch andere Produkte ersetzen können. Importeure könnten ihr Sortiment verkleinern, weniger bestellen oder einzelne Segmente ganz aufgeben. Besonders empfindlich wäre der Markt, wenn die höheren Abgaben zusammen mit steigenden Transportkosten und einer schwachen Kaufkraft auf die Nachfrage treffen.

Die Zollpolitik verfolgt zugleich ein protektionistisches Ziel. Russische Unternehmen erhalten mehr Schutz vor ausländischen Marken, doch dieser Schutz ersetzt weder fehlende Technologien noch unterbrochene Lieferketten. Sanktionen haben den Zugang zu bestimmten Destillaten, Anlagen und Materialien für die Reifung erschwert. Der höhere Zoll vermindert den Wettbewerbsdruck durch ausländische Produkte, garantiert aber nicht, dass heimische Hersteller deren Qualität oder Produktionsweise nachbilden können.

Wie sich die Qualität des Angebots entwickelt, wird vom einzelnen Hersteller und von der Kontrolle des Marktes abhängen. Aus der Zollentscheidung allein lässt sich nicht ableiten, dass russische Betriebe flächendeckend minderwertige oder gesundheitsschädliche Ersatzprodukte herstellen werden. Ein großer Preisabstand zwischen legal eingeführter Ware und billigeren Alternativen kann jedoch den Anreiz für graue Handelswege und Fälschungen erhöhen, wenn Rückverfolgbarkeit und Kontrollen nicht Schritt halten.

Damit entsteht ein Zielkonflikt: Moskau kann mit dem neuen Satz Einnahmen erzielen und heimische Marken stärken, verteuert aber zugleich legale Importware und verringert die Auswahl. Entscheidend wird sein, ob der Markt groß genug bleibt, um das Einnahmeziel von 10 Milliarden Rubel zu tragen – oder ob die höheren Abgaben den offiziellen Importkanal so stark verkleinern, dass der Staat am Ende weniger aus dem Geschäft einnimmt als geplant.

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