Russlands Gastronomie gerät in die Schuldenfalle
Russlands Gastronomie gerät in die Schuldenfalle

Russlands Gastronomie gerät in die Schuldenfalle

November 4, 2026
4 min. lesezeit

Russlands Cafés und Restaurants verlieren gleichzeitig Kunden, Marge und Zugang zu bezahlbaren Krediten. Bis zum 1. September 2026 stiegen die überfälligen Verbindlichkeiten der Branche auf 24,3 Milliarden Rubel – 27 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Die Zahlen der russischen Zentralbank, über die russische Medien am 3. November berichteten, zeigen eine wachsende Finanzierungskrise im Gastgewerbe. Der gesamte Kreditbestand der Unternehmen aus dem Bereich Gastronomie belief sich auf 184 Milliarden Rubel. Damit waren mehr als 13 Prozent der Kredite problematisch; nahezu jeder achte geliehene Rubel wurde nicht fristgerecht zurückgezahlt. Allein im August nahm der Rückstand um 1,25 Milliarden Rubel zu.

Für die Betriebe verschärft sich damit ein Problem, das über einzelne Zahlungsausfälle hinausgeht: Das Geschäftsmodell vieler Restaurants beruht auf einem stetigen täglichen Geldfluss und kurzfristiger Finanzierung. Wenn Einnahmen schwanken, müssen Mieten, Löhne, Lebensmittel und Lieferungen dennoch bezahlt werden. Kredite und Überziehungslinien konnten solche Liquiditätslücken bislang überbrücken. Bei aktuellen Zinssätzen wird dieses Instrument selbst zum Verlustgeschäft.

Wenn der Kredit teurer ist als die Gewinnmarge

Kommerzielle Kredite und die Refinanzierung alter Verbindlichkeiten kosten in Russland nach den vorliegenden Angaben mehr als 20 Prozent pro Jahr. Die durchschnittliche Rentabilität von Restaurants liegt dagegen nur bei etwa 10 bis 12 Prozent. Ein Darlehen, das lediglich die Lohnzahlung oder eine vorübergehende Umsatzschwäche absichert, kann somit mehr kosten, als der damit finanzierte Betrieb erwirtschaftet.

Ein Teil der Unternehmen nimmt neue Kredite deshalb nicht für Expansionen auf, sondern zur Bedienung älterer Schulden. Das kann eine Zahlungsunfähigkeit hinausschieben, schafft aber weder zusätzlichen Umsatz noch eine höhere Produktivität. Zugleich reagieren Banken auf die steigenden Ausfälle mit strengeren Bedingungen und niedrigeren Kreditlimiten. Für die Unternehmen wird es dadurch schwieriger, den nächsten Engpass zu überstehen.

Die restriktive Geldpolitik der Zentralbank soll die Inflation bremsen. Im Gastgewerbe wirkt sie jedoch unmittelbar auf die laufenden Geschäfte: Ein Finanzinstrument, das früher zur Überbrückung gewöhnlicher Schwankungen diente, ist für viele Betriebe nicht mehr verfügbar oder wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll. Die Zentralbank rechnet zudem damit, dass die Zinsen auch 2027 auf einem hohen zweistelligen Niveau bleiben könnten. Der Druck auf die Finanzierung dürfte damit anhalten.

Die Entwicklung der Kredite ist in einem Bericht der russischen Zeitung Iswestija unter Berufung auf Zentralbankdaten beschrieben worden.

Steuern, Löhne und Einkaufskosten

Hohe Zinsen sind nur ein Teil der Belastung. Lebensmittel werden teurer, Lieferketten bleiben aufwendig, und qualifizierte Beschäftigte – vor allem Köche – sind knapp. Um Personal zu halten, müssen Restaurants die Löhne erhöhen. Das trifft eine Branche, deren Gewinnspanne ohnehin begrenzt ist.

Zusätzlichen Druck erzeugen Änderungen bei der Besteuerung. Seit 2026 liegt die jährliche Umsatzgrenze für Unternehmen, die im vereinfachten Steuersystem bleiben wollen, bei 20 Millionen Rubel. Ab 2027 soll außerdem wieder eine Bedingung gelten, nach der Beschäftigte mindestens nach dem regionalen Branchendurchschnitt entlohnt werden müssen, wenn ein Unternehmen von der Mehrwertsteuer befreit bleiben will.

Ein höherer Umsatz bedeutet für kleinere Restaurants nicht automatisch mehr verfügbares Geld. Ein großer Teil der Einnahmen fließt in Personal, Miete, Waren und Logistik. Überschreitet ein Betrieb eine relevante Schwelle, kann seine Steuerlast steigen, bevor sich eine ausreichende finanzielle Reserve gebildet hat. Gleichzeitig lässt sich jeder Kostenanstieg nur begrenzt an die Kundschaft weitergeben, wenn diese selbst spart.

Die Betreiber reagieren mit einer Reihe von Einschnitten: Speisekarten werden kürzer, Portionen kleiner, Werbeausgaben reduziert und Preise schrittweise angehoben. Manche konzentrieren sich stärker auf günstige Gerichte, um den Besucherrückgang abzufedern. Solche Maßnahmen senken zwar etwa den Wareneinsatz oder den Abfall, lösen aber das Grundproblem nicht. Weniger Auswahl und höhere Preise können die Nachfrage zusätzlich schwächen.

Weniger Besuche, mehr Schließungen

Auch das Verhalten der Verbraucher verändert sich. Besuche in klassischen Restaurants und Cafés werden seltener. Wer weiterhin ausgeht, reduziert häufig den Rechnungsbetrag, verzichtet auf Alkohol, Desserts oder teurere Speisen. Gerade diese Produkte tragen jedoch oft überproportional dazu bei, den Umsatz eines Restaurants zu verbessern. Sinkt ihr Anteil, wird der Betrieb trotz zahlender Gäste weniger rentabel.

Die Folge ist eine wachsende Zahl von Schließungen. Nach Daten von stellten 2025 insgesamt 35.400 Gastronomiebetriebe ihre Tätigkeit ein. Von Januar bis September 2026 kamen bereits 28.000 weitere Schließungen hinzu – 15 Prozent mehr als im entsprechenden Zeitraum des Vorjahres.

Der Rückgang ist auch in den großen Städten sichtbar. In Moskau schlossen 2025 insgesamt 381 Restaurants, nach 312 im Jahr 2024. In Sankt Petersburg sank die Zahl der Restaurants bis August 2026 um 3,1 Prozent auf rund 1.700. Die Zahl der Cafés ging um 4 Prozent auf etwa 2.500 zurück.

Nicht jede Schließung muss auf dieselbe Ursache zurückgehen. Mietverträge können auslaufen, Eigentümer ihre Konzepte ändern oder Standorte durch andere Betriebe ersetzt werden. Die landesweite Entwicklung weist jedoch auf ein gemeinsames Muster hin: hohe Finanzierungskosten treffen auf steigende Betriebsausgaben und eine zurückhaltendere Nachfrage.

Der Vorteil der großen Ketten

Besonders verwundbar sind unabhängige Betriebe im mittleren Preissegment. Große Restaurantgruppen und Fast-Food-Ketten können ihre Beschaffung bündeln, Werbung über viele Standorte verteilen und schwächere Filialen mit Rücklagen aus anderen Geschäften stützen. Ein Restaurant mit nur einem Standort hat diese Möglichkeiten nicht. Ein einziger schlechter Monat kann dort genügen, um eine neue Kreditaufnahme oder die Schließung zu erzwingen.

Damit verändert sich nicht nur die Zahl der Betriebe, sondern auch die Struktur des Marktes. Die überlebenden Unternehmen dürften häufiger standardisierte, preisgünstige Formate sein. Unabhängige Restaurants verlieren dagegen Marktanteile, weil sie weder die finanziellen Reserven großer Ketten noch deren Verhandlungsmacht gegenüber Lieferanten und Vermietern besitzen.

Ob diese Entwicklung zu einer vorübergehenden Bereinigung oder zu einer dauerhaften Konzentration der Branche führt, hängt vor allem von zwei Faktoren ab: einer Entlastung bei den Finanzierungskosten und einer Erholung der privaten Nachfrage. Solange Kredite mehr kosten als die typische Gewinnmarge und zugleich Löhne, Steuern und Einkaufspreise steigen, bleibt für viele russische Gastronomiebetriebe kaum ein tragfähiger Weg zwischen weiterer Verschuldung und dem endgültigen Aus.

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