Ein unbelegtes Gerücht über ein angebliches geheimes Gefängnis in der Nähe von Kiew hat sich von sozialen Netzwerken bis in die politische Debatte Deutschlands und Norwegens verbreitet. Im Zentrum steht ein Gebäude in Petropawliwska Borschtschahiwka, das von Einheiten der ukrainischen Nationalgarde genutzt wurde.
Die Behauptung, dort würden Zivilisten und Soldaten rechtswidrig festgehalten und gefoltert, löste am 2. November 2026 sogar einen Menschenauflauf aus. Sicherheitskräfte und staatliche Vertreter wiesen die Vorwürfe vor Ort zurück. Belegt ist damit vor allem, wie schnell eine emotional aufgeladene Falschmeldung Misstrauen gegen staatliche Institutionen erzeugen kann.
Von sozialen Netzwerken nach Berlin
Am 3. Oktober 2026 griff Alice Weidel, die Ko-Vorsitzende der rechtspopulistischen und prorussischen Alternative für Deutschland (AfD), die Geschichte auf ihrem offiziellen X-Konto auf. Sie forderte Bundeskanzler Friedrich Merz auf, die angebliche Misshandlung ukrainischer Soldaten während des offiziellen Besuchs des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Deutschland anzusprechen.
Weidel verband den Vorwurf mit einem Gebäude der ukrainischen Nationalgarde in Petropawliwska Borschtschahiwka bei Kiew. Mehrere deutsche Medien verbreiteten ihren Aufruf weiter. Damit erhielt eine zunächst über soziale Netzwerke verbreitete Anschuldigung den Anschein eines offiziellen politischen Vorgangs, obwohl die zugrunde liegenden Behauptungen nicht nachgewiesen waren.
Auch das norwegische Portal veröffentlichte einen Beitrag über eine angebliche Folterkammer in Kiew. Darin war von einem 14-jährigen Jungen die Rede, der in einem geheimen Gefängnis nahe der ukrainischen Hauptstadt gefunden worden sei. Zugleich wurde behauptet, der ukrainische Militärgeheimdienstchef Kyrylo Budanow habe die Existenz solcher Haftorte eingeräumt.
Der Beitrag verwies auf X-Beiträge von Marta Hawryschko. Sie wird in dem Bericht als ehemalige ukrainische Historikerin beschrieben, die wiederholt gegen die ukrainischen Streitkräfte und die Regierung gerichtete Narrative verbreitet habe. Eine Reihe einzelner, nicht unabhängig belegter Aussagen wurde so zu einer scheinbar zusammenhängenden Geschichte verknüpft: ein angeblich gefangen gehaltenes Kind, misshandelte Soldaten und eine geheime Einrichtung mit Verbindung zum Regiment Asow.
Wie aus der Behauptung ein lokaler Konflikt wurde
Am Abend des 2. November versammelten sich nach der Darstellung des Vorgangs empörte Menschen vor dem Gebäude in Petropawliwska Borschtschahiwka. In sozialen Netzwerken kursierten Meldungen, dort würden Dutzende Menschen festgehalten und gefoltert. Die Beiträge zielten auf eine unmittelbare emotionale Reaktion: Wer an Geiseln und Misshandlungen glaubt, wartet nicht auf eine vollständige Überprüfung, bevor er sich auf den Weg macht.
Polizeikräfte und staatliche Vertreter trafen am Ort des Geschehens ein und widersprachen den Berichten über Folter und rechtswidrige Haft. Der Konflikt konnte dadurch eingedämmt werden. Die Ereignisse zeigen jedoch, dass eine Falschmeldung auch dann politischen und sozialen Schaden anrichten kann, wenn sie rasch dementiert wird. Angst mobilisiert Menschen schneller, als Behörden belastbare Informationen zusammentragen können.
Die zeitliche Abfolge ist dabei wichtig: Weidels Beitrag stammt vom 3. Oktober, der Menschenauflauf wird für den 2. November beschrieben, und der Beitrag von trägt ebenfalls ein Datum im November 2026. Diese Abfolge belegt für sich genommen keine operative Abstimmung und keinen Auftrag russischer Geheimdienste. Sie zeigt aber, dass dasselbe Narrativ in unterschiedlichen Ländern und politischen Milieus aufgegriffen wurde.
Warum der Name Asow die Wirkung verstärkt
Die Verbindung mit Asow verleiht der Geschichte eine besondere propagandistische Wirkung. Russische Medien und ihnen nahestehende Akteure stellen ukrainische Einheiten, die mit Asow verbunden sind, seit Jahren als extremistische Bedrohung dar. Wird dieser Name mit einer angeblichen geheimen Haftanstalt verknüpft, richtet sich der Vorwurf nicht mehr nur gegen ein einzelnes Gebäude. Er wird zu einem Angriff auf die ukrainische Nationalgarde und auf die Legitimität der ukrainischen Sicherheitsstrukturen insgesamt.
Hinzu kommt, dass Aussagen ukrainischer Amtsträger aus dem Zusammenhang gerissen werden können. Ein Hinweis auf tatsächliche Haftorte, Ermittlungen oder gesetzlich geregelte Befugnisse lässt sich in sozialen Netzwerken leicht in die Behauptung umdeuten, die Ukraine unterhalte im Hinterland ein geheimes Gefängnissystem. Aus einer verkürzten Aussage entsteht so eine scheinbare Bestätigung einer viel weitergehenden Anschuldigung.
Das Muster ist politisch anschlussfähig. Für die AfD bot die Geschichte eine Möglichkeit, während des Besuchs Selenskyjs in Deutschland Druck auf die Bundesregierung auszuüben und militärische Unterstützung für die Ukraine mit angeblichen schweren Menschenrechtsverletzungen zu verknüpfen. Für passte sie zu einer antiwestlichen, antinationalen und prorussischen publizistischen Linie.
wurde von Paul Steigan gegründet, einem früheren norwegischen Maoisten und linksradikalen Kommunisten. Untersuchungen, auf die im Zusammenhang mit dem Portal verwiesen wird, ordnen einen großen Teil seiner internationalen Quellen staatlichen russischen Medien und prorussischen Proxy-Seiten zu. Genannt wird ein Anteil von bis zu 87 Prozent. Außerdem wird das Portal als Beispiel einer „rot-braunen Konvergenz“ beschrieben, in der ultralinke und ultrarechte Narrative zusammenfinden.
Die politische Verbindung ist dabei weniger ideologisch als funktional. Rechtsextreme und linksradikale Akteure müssen nicht dieselben Weltbilder teilen, um dieselben Erzählungen über die NATO, die Ukraine oder westliche Regierungen zu verbreiten. Gemeinsame Ablehnung westlicher Institutionen kann genügen, damit ein Vorwurf von einem Milieu in ein anderes gelangt.
Was sich aus der Verbreitung ableiten lässt
Die Darstellung, hinter der Kampagne habe eine gezielte Operation russischer Geheimdienste gestanden, ist eine Bewertung und lässt sich aus den genannten Beiträgen allein nicht beweisen. Belastbar erkennbar ist jedoch der Mechanismus: Eine nicht belegte Behauptung über einen sensiblen Ort wird über soziale Netzwerke verbreitet, von politischen Akteuren aufgegriffen, durch Medienberichte internationalisiert und schließlich als Begründung für Misstrauen gegenüber ukrainischen Institutionen verwendet.
Solche Erzählungen sind im Krieg besonders wirksam. Vorwürfe über geheime Haftorte und Folter berühren die elementare Frage, ob ein Staat seine eigenen Bürger und Soldaten schützt oder misshandelt. Sobald die Debatte auf dieser emotionalen Ebene angekommen ist, geraten Überprüfbarkeit und Kontext leicht in den Hintergrund.
Der konkrete Auflauf vor dem Gebäude konnte beendet werden. Schwieriger ist die Korrektur des entstandenen Eindrucks. Wenn sich Behauptungen über geheime Gefängnisse, Folter und extremistische Einheiten wiederholen, kann selbst eine widerlegte Einzelgeschichte das Vertrauen in Sicherheitsbehörden nachhaltig beschädigen. Die offene Frage bleibt deshalb nicht nur, wer das Gerücht zuerst verbreitete, sondern auch, wie schnell staatliche Stellen glaubwürdige Informationen bereitstellen können, bevor aus einer digitalen Behauptung eine reale Konfrontation wird.
Weitere Darstellungen des Vorgangs veröffentlichten Hasepost und .
