Die AfD will Deutschlands Verhältnis zu Russland und zur Ukraine grundlegend neu ordnen. In zwei außenpolitischen Positionspapieren fordert die Partei, die militärische Unterstützung für Kiew zu beenden, die Sanktionen gegen Moskau aufzuheben und das Pipelineprojekt Nord Stream wiederzubeleben.
Zugleich setzt die AfD auf eine engere Zusammenarbeit mit der Regierung von Donald Trump und begrüßt einen möglichen Abzug amerikanischer Truppen aus Deutschland. Die Vorschläge würden, sollten sie Regierungspolitik werden, nicht nur die deutsche Unterstützung für die Ukraine verändern. Sie würden auch zentrale Elemente der europäischen Sicherheitsordnung und der gemeinsamen Russlandpolitik der Europäischen Union infrage stellen.
Über die Papiere berichtete die Welt am 2. November 2026. Vorgestellt wurden sie dem Bericht zufolge von Markus Frohnmaier, Steffen Kotre und Gerold Otten, den AfD-Politikern, die für die außenpolitische Ausrichtung der Partei zuständig sind.
Ein anderer Kurs gegenüber Moskau
Im Zentrum der Papiere steht ein Kurswechsel, der die bisherige deutsche Politik gegenüber Russland zurücknehmen würde. Die AfD verlangt die Aufhebung der wirtschaftlichen Sanktionen gegen Moskau und die Wiederaufnahme des Projekts Nord Stream. Damit würden wirtschaftliche und energiepolitische Beziehungen wieder möglich, ohne dass zuvor eine politische Beilegung des Krieges erreicht sein müsste.
Die Forderung nach einer Wiederbelebung von Nord Stream ist deshalb mehr als ein energiepolitisches Detail. Sie steht für die Rückkehr zu einem Modell, in dem enge wirtschaftliche Verbindungen zu Russland als Bestandteil deutscher Interessen gelten. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist dieses Modell in Deutschland und Europa jedoch weitgehend aufgegeben worden.
Auch die Sprache zur russischen Invasion hat sich in den Papieren verschoben. Der Krieg wird nicht ausdrücklich als russischer Angriff verurteilt, sondern als „Tragödie“ bezeichnet, die möglichst schnell beendet werden müsse. Vorgesehen sei eine Entscheidung, die die „Sicherheitsinteressen aller Konfliktparteien“ berücksichtige.
Diese Formulierung lässt offen, wie die Sicherheitsinteressen der Ukraine gegenüber den Forderungen Russlands gewichtet werden sollen. Sie benennt zudem nicht, welche Verantwortung die russische Führung für den Krieg trägt. Die politische Wirkung liegt damit nicht in einem ausformulierten Friedensplan, sondern in der Änderung des Rahmens, in dem über ein Ende des Krieges gesprochen wird.
Weniger Unterstützung für Kiew
Am unmittelbarsten wären die Folgen für die Ukraine. Die AfD fordert, die militärische Hilfe für Kiew einzustellen. Zusammen mit dem Ende der Sanktionen würde dies zwei wichtige Instrumente deutscher Unterstützung beseitigen: die Lieferung militärischer Ausrüstung und den wirtschaftlichen Druck auf Russland.
Die Partei stellt diesen Ansatz als Beitrag zu einem schnellen Ende des Krieges dar. Seine praktische Folge wäre jedoch, dass die Ukraine mit weniger Mitteln über ihre Verteidigungsfähigkeit und ihre Verhandlungsposition verfügen könnte. Welche Bedingungen für ein Abkommen gelten sollen, legen die Papiere nach der vorliegenden Berichterstattung nicht fest.
Gerade darin liegt die offene Kernfrage des Vorschlags: Ein Ende der Waffenhilfe kann den Druck auf die Ukraine erhöhen, einem Abkommen unter ungünstigeren Voraussetzungen zuzustimmen. Wenn zugleich Sanktionen aufgehoben und ein großes Energieprojekt mit Russland wiederhergestellt würden, könnte dies als Anerkennung einer neuen politischen und wirtschaftlichen Normalität verstanden werden, obwohl die territoriale Frage ungelöst bliebe.
Das würde nicht automatisch bedeuten, dass besetzte Gebiete rechtlich anerkannt werden. Es könnte aber die Ausgangslage für künftige Verhandlungen verändern. Ein Zustand, in dem Russland besetzte Gebiete behält und die Ukraine ihre militärische Unterstützung verliert, würde die dauerhafte Festschreibung territorialer Verluste wahrscheinlicher machen. Ob dies tatsächlich ein Ziel der AfD-Papiere ist, lässt sich aus den genannten Forderungen allein nicht ableiten; es ist jedoch eine absehbare Konsequenz des vorgeschlagenen politischen Kurses.
Mehr Distanz zu Washington, mehr Nähe zu Trump
Die außenpolitischen Vorstellungen der AfD verbinden die Annäherung an die Trump-Regierung mit einer kritischeren Haltung zur amerikanischen Militärpräsenz in Europa. Die Autoren begrüßen einen möglichen Abbau amerikanischer Truppen in Deutschland und lehnen die Stationierung amerikanischer Raketen ab.
Damit stellt die Partei eine sicherheitspolitische Entwicklung positiv dar, die von vielen europäischen Regierungen als Risiko betrachtet wird. Die amerikanische Präsenz und die militärische Abschreckung innerhalb des transatlantischen Bündnisses gelten für diese Staaten als wichtige Absicherung gegen eine weitere Ausweitung russischer Macht. Eine Verringerung des amerikanischen Engagements könnte deshalb die Frage verschärfen, wie Deutschland und Europa ihre Verteidigung künftig organisieren wollen.
Die AfD verbindet diese Position mit einer scharfen Kritik an einer sogenannten „Woke-Ideologie“ in internationalen Organisationen. Der Begriff stammt aus dem politischen Vokabular der Kulturkämpfe und wird in den Papieren neben Fragen der Bündnis- und Militärpolitik verwendet. Dadurch entsteht ein außenpolitisches Programm, das sicherheitspolitische Neuorientierung mit einer Abgrenzung von liberalen internationalen Institutionen und deren gesellschaftspolitischen Leitbildern verknüpft.
Die engere Zusammenarbeit mit Trump und die Befürwortung eines geringeren US-Militärengagements sind nicht zwingend dasselbe. Zusammen mit dem Ende der Ukraine-Hilfe und der Rückkehr zu wirtschaftlichen Beziehungen mit Russland ergeben sie jedoch einen Kurs, der die bisherige transatlantische Einbindung Deutschlands deutlich lockern würde.
Konflikt mit der europäischen Linie
Deutschland ist einer der wichtigsten europäischen Unterstützer der Ukraine. Eine Abkehr Berlins hätte deshalb Auswirkungen, die über das Verhältnis zwischen beiden Ländern hinausgingen. Sie könnte die gemeinsame Haltung der EU gegenüber Moskau schwächen und anderen Regierungen ein Signal geben, dass Sanktionen, Waffenhilfe und politische Isolation Russlands wieder zur Disposition stehen.
Besonders folgenreich wäre die Kombination der einzelnen Forderungen. Ein Ende der Waffenlieferungen würde die militärische Unterstützung der Ukraine verringern. Die Aufhebung der Sanktionen könnte den wirtschaftlichen Preis des russischen Vorgehens senken. Die Wiederaufnahme von Nord Stream würde zusätzlich den Eindruck erwecken, dass eine umfassende Rückkehr zu den früheren Energiebeziehungen möglich ist, auch ohne eine abschließende Regelung des Krieges.
Die Papiere zeigen damit, wie weit die AfD die deutsche Außenpolitik von der seit dem russischen Angriff verfolgten Linie entfernen will. Ob diese Vorstellungen über die Rolle eines Oppositionsprogramms hinaus Einfluss gewinnen, hängt von ihrer politischen Durchsetzbarkeit ab. Die entscheidende Frage wäre dann nicht nur, ob Deutschland die Ukraine weiter unterstützt, sondern auch, ob es bereit ist, die europäische Sicherheitsordnung zugunsten eines Abkommens zu lockern, dessen Bedingungen und Folgen offenbleiben.
