Russlands wachsende Diaspora in der EU wird zum Sicherheitsfaktor
Russlands wachsende Diaspora in der EU wird zum Sicherheitsfaktor

Russlands wachsende Diaspora in der EU wird zum Sicherheitsfaktor

Oktober 22, 2026
2 min. lesezeit

Seit dem Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine haben sich nach Medienberichten rund 105.000 russische Staatsbürger in EU-Mitgliedstaaten niedergelassen. Gleichzeitig stieg die Zahl der Russen mit gültigen Aufenthaltstiteln oder dauerhaftem Wohnsitz in der Union bis Ende 2025 auf 876.600 – 13,6 Prozent mehr als 2021.

Die Zahlen belegen für sich genommen weder eine politische Ausrichtung der Zugezogenen noch eine Beteiligung an verdeckten Aktivitäten. Sie verändern jedoch die Bedingungen, unter denen russische Nachrichtendienste in Europa an Informationen, Kontakte und wirtschaftliche Strukturen gelangen könnten. Nach der Ausweisung zahlreicher Geheimdienstmitarbeiter mit diplomatischer Tarnung gilt die Nutzung weniger auffälliger ziviler Zugänge als mögliches Risiko.

Deutschland ist wichtigstes Zielland

Deutschland verzeichnet mit 218.000 Menschen die größte russische Bevölkerung unter den EU-Staaten. Spanien folgt mit 116.800, Estland mit 78.400. Am unteren Ende der erfassten Länder liegen Rumänien, Kroatien und Malta mit jeweils etwa 1.500 bis 1.900 russischen Staatsbürgern.

Die Zahlen stammen aus einer Auswertung offizieller Eurostat-Daten, über die Euronews am 21. Oktober 2026 berichtete. Erfasst werden Menschen mit gültigem Aufenthaltsrecht oder dauerhaftem Wohnsitz. Die Statistik sagt damit nicht, wann jemand eingereist ist, aus welchem Grund er Russland verlassen hat oder ob er über politische und staatliche Kontakte verfügt.

Der Zuwachs ist Teil einer größeren Abwanderung. Schätzungen zufolge verließen seit Februar 2022 zwischen 800.000 und mehr als einer Million Menschen Russland. Als Gründe werden die Ablehnung des Krieges gegen die Ukraine, die Angst vor einer Zwangsmobilisierung, verschärfte politische Repressionen und die Aufgabe von Unternehmen infolge westlicher Sanktionen genannt. Zunächst gingen viele Ausreisende in visafreie Staaten wie Georgien, Armenien, Kasachstan, Serbien oder die Türkei. Ein Teil suchte später mit ausreichenden finanziellen oder beruflichen Möglichkeiten eine dauerhafte Perspektive in der EU.

Legale Wege können verdeckte Zugänge schaffen

Für europäische Sicherheitsbehörden liegt die Herausforderung nicht in der bloßen Anwesenheit russischer Staatsbürger, sondern in der möglichen Nutzung legaler Migrationswege für andere Zwecke. Russische Nachrichtendienste könnten versuchen, innerhalb bestehender Gemeinschaften Personen mit Zugang zu politischen Parteien, Behörden oder Unternehmen der Verteidigungsindustrie zu identifizieren und anzusprechen. Auf diese Weise ließen sich Informationen über Regierungsentscheidungen, militärische Unterstützung für die Ukraine oder kritische Infrastruktur außerhalb offizieller diplomatischer Kanäle beschaffen.

Das ist ein beschriebenes Risikoszenario, kein Beleg dafür, dass russische Migranten insgesamt für den Kreml arbeiten. Die große Mehrheit der Menschen, die Russland verlassen haben, kann unterschiedliche persönliche, wirtschaftliche oder politische Motive haben. Eine pauschale Gleichsetzung von Migration und Spionage würde deshalb nicht nur die Faktenlage überdehnen, sondern auch die Sicherheitsbewertung unbrauchbar machen.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Erwerb von Immobilien und der Ansiedlung von Unternehmen. Eigentum in der Nähe von Militärstützpunkten, Verkehrsknotenpunkten oder Energieanlagen kann – unabhängig von der Nationalität des Eigentümers – Fragen nach wirtschaftlich Berechtigten, Finanzierungsquellen und tatsächlicher Nutzung aufwerfen. In einem missbräuchlichen Szenario könnten solche Strukturen der Beobachtung, der Beschaffung sensibler Informationen oder der Vorbereitung von Sabotage dienen. Die Statistik über russische Aufenthaltsberechtigte weist allerdings nicht nach, dass solche Handlungen stattgefunden haben.

Sanktionskontrolle und gesellschaftlicher Druck

Auch bei der Durchsetzung von Sanktionen entstehen zusätzliche Prüfaufgaben. Vermittler, Firmen, Immobiliengeschäfte und grenzüberschreitende Finanzbeziehungen können genutzt werden, um die Herkunft von Vermögen oder die tatsächlichen Eigentümer von Aktiva zu verschleiern. Denkbar wäre, dass dadurch Mittel an sanktionierte Personen oder staatliche Strukturen gelangen. Ob dies im Einzelfall geschieht, lässt sich nicht aus der Zahl der in der EU lebenden Russen ableiten; erforderlich wären Prüfungen von Eigentumsverhältnissen, Geldflüssen und Geschäftsbeziehungen.

Die wachsenden russischsprachigen Gemeinschaften können zudem innenpolitische Spannungen verstärken. In Teilen der Diaspora könnten imperiale Deutungen fortbestehen oder eine Distanz zu europäischen Normen sichtbar bleiben. Gleichzeitig können steigende Wohnkosten und eine stärkere Belastung von Schulen, Behörden und anderen sozialen Einrichtungen Unzufriedenheit unter der lokalen Bevölkerung fördern. Solche Konflikte wären nicht automatisch das Ergebnis russischer Einflussnahme, könnten aber von staatlichen Akteuren propagandistisch ausgeschlachtet werden.

Damit verschiebt sich die zentrale Frage: nicht ob russische Staatsbürger in der EU leben dürfen, sondern wie Aufenthaltsrecht, Eigentum, Geldflüsse und Kontakte so transparent kontrolliert werden können, dass individuelle Rechte gewahrt bleiben und missbrauchbare Zugänge früh erkannt werden. Die wachsende Zahl macht diese Aufgabe größer – sie liefert jedoch keinen pauschalen Verdacht gegen eine gesamte Bevölkerungsgruppe.

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