In Deutschland sind zwei belarussische Staatsangehörige festgenommen worden, die im Süden des Landes Anschläge auf eine Bahnstrecke und eine Stromleitung vorbereitet haben sollen. Medien berichteten am 28. Oktober 2026 über den Fall. Die Ermittler prüfen außerdem, ob die beiden Männer mit dem Brand in einem Rüstungsbetrieb im rumänischen Brasov im September in Verbindung stehen.
Die Vorwürfe sind nicht abschließend geklärt. Beide Verdächtigen befinden sich seit Anfang Oktober in Untersuchungshaft; die rumänische Staatsanwaltschaft bemüht sich um ihre Auslieferung. Der Fall zeigt jedoch bereits, warum europäische Sicherheitsbehörden Sabotage nicht mehr nur als Reihe isolierter Anschläge behandeln: Verwundbare Infrastruktur, militärische Lieferketten und ausländische Mittelsleute können zu Teilen einer Operation werden, deren Urheber schwerer zu bestimmen sind.
Angriffe mit begrenztem Aufwand und großer Wirkung
Nach den vorliegenden Berichten planten die Verdächtigen Brandanschläge in der Nähe einer Eisenbahnlinie und einer Stromübertragungsleitung. Beide Ziele sind für den Alltag und für die Funktionsfähigkeit eines Staates von zentraler Bedeutung. Ein Feuer an einer Bahnstrecke kann den Verkehr unterbrechen, Kontrollen und Streckensperrungen auslösen und den Transport von Waren oder militärischer Ausrüstung verzögern. Ein Angriff auf eine Stromleitung kann Umleitungen erzwingen und zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen für Betreiber und Behörden erforderlich machen.
Der mögliche Nutzen solcher Aktionen liegt deshalb nicht allein im verursachten Sachschaden. Schon ein begrenzter Anschlag kann zeigen, wie schnell eine gefährdete Stelle erkannt wird, wie lange der Betrieb ausfällt und welche Kräfte für die Absicherung gebunden werden müssen. Die operative Schwelle ist niedriger als bei einem offenen militärischen Angriff, die politische Wirkung kann dennoch erheblich sein.
Die deutsche Untersuchung reicht nach Medienangaben über die geplanten Anschläge hinaus. Geprüft wird eine mögliche Verbindung zum Brand in der Nacht auf den 14. September in einem Rüstungsbetrieb des Unternehmens Carfil im rumänischen Brasov. Die rumänische Staatsanwaltschaft strebt die Auslieferung der beiden in Deutschland festgehaltenen Männer an. Ob sie an dem Brand beteiligt waren und wer sie gegebenenfalls beauftragt hat, ist Gegenstand der Ermittlungen.
Bericht des Spiegel über die Festnahmen und Bericht von Radio Free Europe/Radio Liberty ordneten den Fall dem Verdacht einer Vorbereitung im Interesse Russlands zu. Ein solcher Verdacht ist keine gerichtliche Feststellung. Auch die Staatsangehörigkeit der Beschuldigten beweist für sich genommen keine Beteiligung belarussischer Behörden.
Ein Muster von Vorfällen in Europa
Seit dem Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine im Februar 2022 haben europäische Regierungen wiederholt über Vorfälle berichtet, hinter denen sie russische Nachrichtendienste vermuten. Nach Angaben des International Institute for Strategic Studies stieg die Zahl solcher mutmaßlichen Sabotageakte in Europa 2023 und 2024 beinahe auf das Vierfache. Als Ziele wurden Verkehrs- und Energieanlagen, Lagerhäuser sowie Unternehmen genannt, die an der Lieferung militärischer Unterstützung für die Ukraine beteiligt sind.
Im Jahr 2024 wurden in Paketen des Logistikunternehmens DHL in Deutschland, Großbritannien und Polen Brandsätze entdeckt beziehungsweise ausgelöst. Polnische Ermittler kamen nach den vorliegenden Angaben zu dem Schluss, dass der russische Militärgeheimdienst die Operation organisiert habe. Diese Einschätzung stammt aus den Ermittlungen und ist hier nicht als rechtskräftiger Beweis für eine Verurteilung zu behandeln.
Im August 2026 scheiterte am Flughafen Leipzig ein Drohnenangriff mit Sprengstoff auf ein Frachtflugzeug vom Typ An-124. Das Flugzeug wurde für den Transport militärischer Hilfe für die Ukraine eingesetzt. Europäische Nachrichtendienste schrieben die Operation ebenfalls dem russischen Militärgeheimdienst zu. Behörden meldeten zudem Brandanschläge auf Unternehmen der Drohnenproduktion und Versuche, Bodenstationen der Satellitenkommunikation Starlink anzugreifen.
Am 27. Oktober teilte der rumänische Nachrichtendienst SRI laut Medienberichten mit, ein von russischen Diensten koordiniertes Sabotagenetz aufgedeckt zu haben. Wenige Tage zuvor, am 20. Oktober, hatte das Wall Street Journal berichtet, der russische Präsident Wladimir Putin habe persönlich eine Intensivierung von Sabotageoperationen gegen NATO-Staaten angeordnet. Diese Darstellung ist dem Bericht der Zeitung zugeschrieben und durch die hier vorliegenden Informationen nicht unabhängig bestätigt.
Warum Infrastruktur zum strategischen Ziel wird
Eine Serie kleinerer Operationen kann für den Angreifer mehrere Ziele zugleich erfüllen. Angriffe auf Verkehrsknoten, Energieanlagen oder Rüstungsunternehmen können Lieferungen verlangsamen, Sicherheitskosten erhöhen und Personal von europäischen Regierungen und Unternehmen binden. Sie können außerdem zeigen, wie gut strategische Einrichtungen geschützt sind und wie Behörden auf schwer zuzuordnende Vorfälle reagieren.
Hinzu kommt die psychologische Wirkung. Wenn Brände, Drohnenangriffe oder verdächtige Pakete in unterschiedlichen Ländern auftreten, entsteht Unsicherheit darüber, welches Ziel als Nächstes betroffen sein könnte. Das kann den öffentlichen Druck auf Regierungen erhöhen, die militärische und finanzielle Unterstützung für die Ukraine fortzusetzen. Es wäre jedoch zu weitgehend, jedem einzelnen Vorfall automatisch dasselbe Motiv oder denselben Auftraggeber zuzuschreiben. Die Gemeinsamkeit liegt zunächst in der Art der möglichen Verwundbarkeit und in den von Behörden beschriebenen Verbindungen zu russischen Diensten.
Für Moskau, so die sicherheitspolitische Logik hinter dieser Form des Vorgehens, könnten solche Aktionen eine Möglichkeit darstellen, Kosten zu verursachen, ohne eine offene militärische Konfrontation mit der NATO einzugehen. Die Verantwortlichen können auf lokale Ausführer, schwer zugängliche Kommunikationswege und scheinbar voneinander getrennte Ziele setzen. Das erschwert eine schnelle Reaktion und macht die politische Zuschreibung angreifbar.
Die Rolle belarussischer Staatsangehöriger
Die Festnahme zweier Belarussen verleiht dem Fall eine zusätzliche regionale Dimension. Der Einsatz von Personen aus einem Drittstaat kann eine Ermittlung komplizieren: Behörden müssen dann nicht nur mögliche Anschlagspläne rekonstruieren, sondern auch Reisebewegungen, Zahlungen, Kontakte, Anweisungen und Kommunikationswege auswerten. Für mögliche Organisatoren kann ein solcher Aufbau eine zusätzliche Ebene der Abstreitbarkeit schaffen. Er belegt allein jedoch weder eine staatliche Steuerung noch eine Beteiligung belarussischer Sicherheitsorgane.
Belarus ist politisch und sicherheitspolitisch eng an Russland gebunden. Die Regierung von Alexander Lukaschenko ist seit Jahren von Moskau abhängig; nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl 2020 und dem Vorgehen gegen die belarussische Opposition hat sich diese Abhängigkeit weiter vertieft. Minsk unterstützt Russland politisch und hat ihm im Krieg gegen die Ukraine wichtige strategische Möglichkeiten eingeräumt.
Diese Beziehungen erklären, warum Ermittler mögliche Verbindungen zwischen belarussischen Staatsangehörigen und russischen Diensten besonders genau untersuchen könnten. Sie erlauben aber keine Schlussfolgerung, dass die belarussische Führung die mutmaßlichen Pläne in Deutschland gebilligt hat oder dass Lukaschenko persönlich davon wusste. Auch die Annahme, eine Operation könne ohne stillschweigende Zustimmung der belarussischen Behörden nicht stattfinden, wäre ohne konkrete Belege eine politische Bewertung und kein nachgewiesener Ermittlungsbefund.
Die unmittelbaren Fragen sind daher enger und überprüfbarer: Was genau planten die beiden Männer? Wer gab ihnen die Anweisungen? Lassen sich ihre Aktivitäten mit dem Brand in Brasov verbinden? Und reichen die Beweise für eine Anklage oder eine Auslieferung aus?
Für Europas Sicherheitsbehörden bleibt unabhängig vom Ausgang des Verfahrens eine praktische Konsequenz: Bahnlinien, Stromnetze, Flughäfen, Rüstungsbetriebe und Kommunikationsanlagen müssen auch gegen kleine, verdeckt organisierte Operationen geschützt werden. Die zentrale Herausforderung besteht darin, Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen, ohne aus einem Verdacht einen Beweis zu machen. Im Fall der beiden Belarussen wird sich daran entscheiden, ob der Vorgang ein einzelnes Strafverfahren bleibt oder Teil eines größeren Bildes koordinierter Sabotage in Europa wird.
