Ein Forum zur Einheit Russlands ist in Dagestan auf Kritik gestoßen, weil es nach Darstellung von Einwohnern zentrale soziale und wirtschaftliche Probleme der Republik ausgeblendet hat. Während die Teilnehmer über Traditionen und gesellschaftlichen Zusammenhalt sprachen, standen steigende Gebühren, Armut und die Krise der kommunalen Infrastruktur nicht im Mittelpunkt.
Das Forum der Ältesten Südrusslands mit dem Titel „Die Weisheit der Generationen – in der Einheit Russlands“ fand vom 29. bis 31. Oktober 2026 in Machatschkala statt. Es stand unter der Schirmherrschaft des dagestanischen Ministeriums für Nationalitätenpolitik und religiöse Angelegenheiten. Über die Kritik berichtete das Portal Kawkasski Usel.
Steigende Kosten statt politischer Debatte
Einwohner bezeichneten die Veranstaltung als formales, aus öffentlichen Mitteln finanziertes Treffen. Nach ihrer Darstellung beschränkten sich die Gespräche weitgehend auf allgemeine Bekenntnisse zu Tradition und Einheit, ohne die Belastungen zu thematisieren, die viele Familien im Alltag unmittelbar spüren.
Genannt wurde insbesondere eine nahezu Verdoppelung der kommunalen Tarife seit Oktober. Hinzu kämen Schwierigkeiten einkommensschwacher Familien, anhaltende Probleme im Bereich der Wohnungs- und Versorgungswirtschaft sowie Verletzungen von Bürgerrechten. Die Angaben zur Entwicklung der Tarife und zum Ausmaß der sozialen Probleme sind in dem Bericht als Kritik von Einwohnern und Aktivisten wiedergegeben; eine unabhängige Prüfung dieser Zahlen liegt damit nicht vor.
Für die Kritiker ist gerade dieser Gegensatz entscheidend: Ein Forum, das gesellschaftliche Erfahrung und die Interessen lokaler Gemeinschaften vertreten soll, verliert aus ihrer Sicht an Bedeutung, wenn es keine Antworten auf steigende Rechnungen, mangelhafte Dienstleistungen und den Zugang zu Rechten liefert.
Wer spricht im Namen der Bevölkerung?
Aktivisten stellten außerdem die Zusammensetzung des dagestanischen Ältestenrats infrage. Das Gremium bestehe überwiegend aus ehemaligen Amtsträgern und Vertretern lokaler Eliten, erklärten sie. Dadurch sei es eng an die bestehende politische und administrative Ordnung gebunden und neige eher dazu, Initiativen der föderalen Führung zu unterstützen, als unbequeme Fragen im Namen der Bevölkerung aufzuwerfen.
Diese Einschätzung ist eine politische Bewertung der Kritiker und belegt für sich genommen keine formelle Weisungsgebundenheit des Rates. Sie verweist jedoch auf ein strukturelles Problem: Institutionen, die als gesellschaftliche Vermittler auftreten, können ihre repräsentative Funktion verlieren, wenn ihre Mitglieder vor allem aus etablierten Macht- und Verwaltungskreisen stammen.
Die Debatte berührt damit nicht nur die Tagesordnung eines einzelnen Treffens. In den nationalen Republiken Russlands haben staatlich unterstützte Vereinigungen zugleich eine soziale und eine politische Funktion. Sie sollen Traditionen bewahren, Gemeinschaften zusammenhalten und den Dialog mit der Bevölkerung ermöglichen. Wenn Kritik an Behörden oder an der föderalen Politik keinen Platz findet, kann aus diesem Dialog eine Bestätigung bereits feststehender Positionen werden.
Die Einwohner Dagestans werfen dem Ältestenforum genau das vor: Es habe die Sprache der Einheit benutzt, um Konflikte und materielle Belastungen nicht offen zu diskutieren. Ob das Gremium künftig als tatsächliche Stimme lokaler Interessen wahrgenommen wird, hängt deshalb weniger von weiteren Erklärungen zur Einheit ab als davon, ob es die Tarifsteigerungen, die Versorgungskrise und die Beschwerden über Rechte der Bürger aufgreift.
