Russlands Hotellerie gerät 2026 von mehreren Seiten unter Druck: Die Investitionen in Hotelimmobilien brechen ein, die Nachfrage schwächt sich ab und günstigere Kurzzeitunterkünfte gewinnen Marktanteile. Für Betreiber wird es damit schwieriger, steigende Bau- und Finanzierungskosten über höhere Zimmerpreise auszugleichen.
Von Januar bis September investierten Anleger nach einer Untersuchung von IBC Real Estate 21 Milliarden Rubel in russische Hotelimmobilien. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es noch 54 Milliarden Rubel – ein Rückgang um 61,1 Prozent. Die Beratungsgesellschaft kam für die ersten drei Quartale auf 20,5 Milliarden Rubel und damit auf ein Minus von 55 Prozent. Die unterschiedlichen Schätzungen beruhen auf verschiedenen Berechnungsmethoden, weisen aber in dieselbe Richtung: Das Investitionsvolumen liegt auf dem niedrigsten Niveau seit etwa fünf Jahren. Kommersant berichtete über die Entwicklung.
Teure Kredite treffen auf unsichere Erträge
Ein wesentlicher Auslöser ist das Ende des Programms für vergünstigte Kredite zum Bau von Hotels. Zugleich bleibt die Finanzierung am Markt teuer. Die restriktive Geldpolitik der russischen Zentralbank soll die hohe Inflation eindämmen, erhöht für Unternehmen jedoch die Kosten neuer Darlehen. Für Hotelprojekte ist das besonders problematisch, weil die Einnahmen erst nach Fertigstellung entstehen, die Zinslast aber sofort anfällt.
Hinzu kommen steigende Baukosten. Ein Entwickler muss heute kalkulieren, ob sich ein Projekt in mehreren Jahren trägt – zu einem Zeitpunkt, an dem weder die Kostenentwicklung noch die Stärke der künftigen Tourismussaison verlässlich feststehen. Die Auslastung hängt stark von Reisebewegungen und saisonaler Nachfrage ab, während Kreditraten und ein großer Teil der laufenden Kosten unabhängig von der Zahl der Gäste anfallen.
Die Zurückhaltung zeigt sich auch bei den Unternehmensgründungen. In den ersten neun Monaten 2026 wurden in Russland 4.200 neue Unternehmen und Einzelunternehmer mit Schwerpunkt Hotellerie registriert. Das waren 17,8 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig wurden 3.400 Betriebe aufgelöst – ungefähr so viele wie ein Jahr zuvor.
Diese Zahlen belegen nicht, dass jede Auflösung auf eine Insolvenz zurückgeht oder jede Neuregistrierung den Bau eines Hotels bedeutet. Sie zeigen jedoch, dass der Markt weniger neue Akteure anzieht und bestehende Unternehmen vorsichtiger expandieren. Unter den Bedingungen teurer Kredite, höherer Baukosten und unsicherer Einnahmen werden neue Vorhaben schwerer finanzierbar.
Weniger Gäste, begrenzte Preissetzung
Auch die Nachfrage gibt den Betreibern wenig Spielraum. Nach Daten des Unternehmens Travelline sank das gesamte Volumen der Hotelbuchungen von Januar bis September 2026 im Jahresvergleich um 5,3 Prozent. Als Gründe werden eine sparsamere Reiseplanung vieler Verbraucher, die Konkurrenz ausländischer Reiseziele und wiederholte Schließungen von Flughäfen genannt. Zudem verzichteten viele ausländische Besucher in diesem Jahr auf Reisen nach Russland.
Der Rückgang der Buchungen begrenzt die Möglichkeit, höhere Preise durchzusetzen. Für Hotels entsteht ein doppelter Druck: Weniger belegte Zimmer reduzieren den Umsatz, während Personal, Versorgungsleistungen, Instandhaltung und Schuldendienst weiter bezahlt werden müssen. Eine Preiserhöhung könnte die Nachfrage zusätzlich dämpfen.
Besonders deutlich ist die Entwicklung in Moskau. Die durchschnittliche Auslastung hochwertiger Hotels lag dort in den ersten drei Quartalen bei 71 Prozent und damit zwei Prozentpunkte unter dem Vorjahreswert. Im Luxussegment fiel die Auslastung um zehn Prozent auf 42 Prozent. Hotels der Economy-Klasse verloren vier Prozentpunkte und kamen auf 65 Prozent.
Auch der erzielte Zimmerpreis sank. Ein verkauftes Zimmer kostete in Moskau im Durchschnitt 10.900 Rubel, 6,8 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Gerade im gehobenen Segment trifft das die Ertragslage, weil dort die Fixkosten besonders hoch sind und der Rückgang der Auslastung nicht ohne Weiteres durch zusätzliche Gäste kompensiert werden kann.
Ferienwohnungen verschärfen den Wettbewerb im unteren Segment
Die klassischen Hotels konkurrieren zudem mit einem wachsenden Angebot an Apartments und kurzfristig vermieteten Wohnungen. In der Sommersaison 2026 entfielen 30 Prozent der Buchungen auf das Apartmentsegment. Das entsprach einem Anstieg um sieben Prozentpunkte innerhalb eines Jahres. Gleichzeitig nahm das Angebot solcher Unterkünfte um 33 Prozent zu.
Für Reisende sind diese Formate häufig günstiger und flexibler. Für traditionelle Hotels entsteht dadurch ein struktureller Nachteil: Sie müssen dauerhaft Personal beschäftigen, Gebäude unterhalten und zahlreiche laufende sowie administrative Kosten tragen. Private Anbieter können ihre Ausgaben bei schwacher Nachfrage oft schneller anpassen.
Der wachsende Anteil von Apartments begrenzt deshalb insbesondere im preisgünstigen Segment die Möglichkeit, die Hotelpreise an die Inflation anzupassen. Steigen die Tarife zu stark, können Gäste auf eine größere Auswahl an günstigeren Wohnungen ausweichen. Das bedeutet nicht, dass Ferienwohnungen allein für den Rückgang der Hotelbuchungen verantwortlich sind. Sinkende Einkommen, Reisebeschränkungen und die Konkurrenz anderer Reiseziele wirken ebenfalls auf die Nachfrage ein. Zusammen verschärfen diese Faktoren jedoch den Druck auf die Margen.
Der Rückzug der Investoren wird beim Zimmerangebot sichtbar
Die Investitionsschwäche schlägt bereits auf die Zahl neuer Hotelzimmer durch. In den ersten neun Monaten wurden in hochwertigen Hotelobjekten 2.100 Zimmer fertiggestellt – 57 Prozent weniger als im entsprechenden Zeitraum 2025. Für das gesamte Jahr 2026 werden 4.500 neue Zimmer erwartet, 38 Prozent weniger als im Vorjahr.
Ein begrenztes Neubauvolumen könnte bestehenden Hotels langfristig zwar weniger Konkurrenz bescheren. Kurzfristig ist der Rückgang vor allem ein Zeichen dafür, dass Projekte verschoben oder neu bewertet werden. Wenn sich die Amortisationszeit wegen hoher Zinsen, teurer Bauleistungen und schwankender Nachfrage nicht zuverlässig berechnen lässt, sinkt der Anreiz, Kapital über Jahre in ein neues Objekt zu binden.
Damit steht Russlands Hotelmarkt nicht nur vor einem schwachen Investitionsjahr. Sein Geschäftsmodell wird an mehreren Stellen gleichzeitig belastet: Die Finanzierung verteuert sich, die Nachfrage bleibt unsicher, preisgünstige Alternativen wachsen und höhere Zimmerpreise lassen sich kaum durchsetzen. Die zentrale offene Frage ist, ob eine Erholung des Reiseaufkommens stark genug ausfällt, um diese Kostenprobleme zu überdecken – oder ob der Rückgang bei Neubauten zum dauerhaften Merkmal des Marktes wird.
