Russland darf 2026 bis zu 1 Billion Rubel mehr im Inland aufnehmen als bislang vorgesehen. Damit könnte das Volumen der Neuplatzierung staatlicher Anleihen über 7 Billionen Rubel steigen – während das Haushaltsdefizit auf 8,37 Billionen Rubel anwächst.
Die zusätzliche Verschuldung verschafft dem Finanzministerium kurzfristig Spielraum. Gleichzeitig steigen die künftigen Zinslasten, und der Staat konkurriert mit Unternehmen und privaten Kreditnehmern um das knappe Geld im russischen Finanzsystem. Ein immer größerer Teil des Haushalts dürfte damit für die Finanzierung früherer Ausgaben gebunden sein.
Ministerpräsident Michail Mischustin unterzeichnete die entsprechende Anordnung, die am 5. November 2026 auf dem russischen Portal für Rechtsinformationen veröffentlicht wurde. Sie erlaubt dem Finanzministerium, die im Haushaltsgesetz und im staatlichen Kreditprogramm festgelegte Obergrenze für inländische Staatsschulden zu überschreiten.
Bis dahin lag das genehmigte Limit für die Ausgabe föderaler Anleihen, der sogenannten OFZ, bei 6,47 Billionen Rubel. Nun kann das Ministerium bis zu 1 Billion Rubel zusätzlich am heimischen Markt aufnehmen. Über die Entscheidung berichteten Wedomosti, Forbes und The Insider.
Ein Defizit, das schneller wächst als geplant
Die Entscheidung fällt in einem Jahr, in dem die Finanzierungslücke des Bundes deutlich größer ausfällt als ursprünglich erwartet. Im September erhöhte das Finanzministerium seine Defizitprognose für 2026 nahezu auf das Doppelte auf 8,37 Billionen Rubel. Nach Angaben des Ministeriums summierte sich das Minus von Januar bis September bereits auf 5,186 Billionen Rubel oder 2,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Auch die Gesamtausgaben wurden nach oben korrigiert. Für 2026 sind inzwischen 48,5 Billionen Rubel vorgesehen – rund 10 Prozent mehr als im ursprünglichen Plan. Ein wesentlicher Druckfaktor sind die hohen militärischen Ausgaben und die mit dem Krieg verbundenen Zahlungen. Die neue Kreditermächtigung soll helfen, die daraus entstandene Finanzierungslücke zu schließen; sie beseitigt sie nicht.
Das Finanzministerium nahm im ersten Quartal 1,37 Billionen Rubel über OFZ auf, im zweiten Quartal 1,7 Billionen und im dritten 1,4 Billionen Rubel. Für das vierte Quartal waren zunächst weitere 2,45 Billionen Rubel geplant. Die zusätzliche Ermächtigung erweitert den Spielraum über diese reguläre Planung hinaus.
Der Zugang zu ausländischen Kapitalmärkten ist für Russland infolge westlicher Finanzbeschränkungen stark eingeschränkt. Deshalb muss der Staat den größten Teil seines Finanzierungsbedarfs im Inland decken. Dort trifft er auf Banken, Unternehmen und Haushalte, die ihr Geld ebenfalls zu attraktiven Bedingungen anlegen oder für Investitionen und Konsum verwenden wollen.
Hohe Zinsen machen neue Schulden teuer
Die Kosten dieser Strategie werden im Entwurf des föderalen Haushalts für 2027 bis 2029 sichtbar. Für 2027 veranschlagt das Finanzministerium die Zinszahlungen auf rund 4,6 Billionen Rubel. Das liegt fast auf dem Niveau der geplanten Ausgaben für die gesamte Volkswirtschaft von 4,84 Billionen Rubel.
2028 sollen die Zinskosten auf 5,3 Billionen Rubel steigen, 2029 auf 5,7 Billionen. Ihr Anteil an den gesamten Bundesausgaben wächst laut Entwurf von 9,4 Prozent im Jahr 2027 auf 10,6 Prozent im Jahr 2029. 2021, vor dem Beginn des groß angelegten Krieges gegen die Ukraine, waren dafür 4,4 Prozent des Haushalts vorgesehen.
Die nominale Verfünffachung der Zinsausgaben gegenüber 2021 erklärt sich nicht allein durch das größere Schuldenvolumen. Auch die Finanzierung ist erheblich teurer geworden. Die Rendite zehnjähriger russischer Staatsanleihen lag im November 2026 bei etwa 16,5 Prozent. Bei einem solchen Zinsniveau bringt jede neue Anleihe nicht nur sofort Geld in die Staatskasse, sondern erzeugt über Jahre zusätzliche Zahlungsverpflichtungen.
Für den Staat entsteht damit ein selbstverstärkender Druck: Um das Defizit zu finanzieren, muss er neue Anleihen anbieten. Um Käufer zu finden, muss die Verzinsung attraktiv bleiben. Je höher die Rendite, desto größer wird jedoch die Belastung künftiger Haushalte. Sollten Einnahmen und Wirtschaftswachstum nicht mithalten, bleibt weniger Geld für andere Aufgaben.
Banken als wichtigste Käufer
Die Nachfrage nach OFZ kommt vor allem von großen systemrelevanten Banken. Diese können die Anleihen anschließend in Repo-Geschäften bei der Zentralbank als Sicherheit einsetzen und dafür Rubel-Liquidität erhalten. Bei einem solchen Geschäft werden Wertpapiere mit der Vereinbarung verkauft, sie zu einem späteren Zeitpunkt zurückzukaufen.
Dieser Mechanismus ist zunächst ein übliches Instrument der Liquiditätssteuerung. Eine starke Ausweitung der staatlichen Kreditaufnahme kann jedoch die Geld- und Kreditbedingungen beeinflussen. Wenn Banken einen größeren Teil ihrer Bilanzen in Staatsanleihen halten, stehen potenziell weniger Mittel für Kredite an Unternehmen und private Haushalte zur Verfügung. Ob und wie stark dieser Effekt eintritt, hängt von den Bedingungen der Geschäfte, der Geldpolitik und dem Verhalten der Banken ab.
Für zivile Unternehmen kann die Konkurrenz um Kapital dennoch spürbar werden. Hohe Staatsrenditen machen es für Banken attraktiv, öffentliche Schuldpapiere zu halten, statt langfristige und risikoreichere Projekte zu finanzieren. Besonders Investitionen in Modernisierung, zusätzliche Produktionskapazitäten oder Infrastruktur werden dadurch schwieriger, wenn ihre Erträge erst nach mehreren Jahren anfallen.
Das bedeutet nicht, dass jede neue Staatsanleihe unmittelbar einen bestimmten privaten Kredit verdrängt. Es verschiebt aber die Anreize im Finanzsystem: Der Staat bietet eine hohe, vergleichsweise sichere Rendite, während Unternehmen höhere Finanzierungskosten und größere wirtschaftliche Unsicherheit tragen müssen.
Welche Rechnung bleibt für Bürger und Wirtschaft?
Der Staat kann die wachsende Lücke grundsätzlich durch weitere Kredite, höhere Einnahmen, geringere Ausgaben oder eine Kombination dieser Maßnahmen finanzieren. Keine dieser Optionen ist kostenfrei. Mehr Schulden erhöhen die Zinslast. Steuer- und Abgabenerhöhungen belasten Unternehmen und Haushalte. Ausgabenkürzungen könnten zivile Investitionen und öffentliche Leistungen treffen.
Auch die Geldpolitik steht vor einem Zielkonflikt. Eine zu expansive Versorgung des Marktes mit Rubeln könnte den Preisdruck verstärken, während hohe Zinsen die Kreditaufnahme und Investitionen bremsen. Die Finanzierung über Banken und Repo-Geschäfte ist daher nicht automatisch gleichbedeutend mit einer direkten monetären Finanzierung des Defizits. Sie kann aber die Auswirkungen staatlicher Kreditaufnahme auf Liquidität, Inflation und Wechselkurs verstärken, wenn die Geldmenge schneller wächst als die Güterproduktion.
Die vorliegenden Haushaltszahlen zeigen vor allem eine strukturelle Verschiebung. Schon 2027 soll fast ein Zehntel der Bundesausgaben für den Schuldendienst verwendet werden; 2029 könnten die Zinszahlungen 5,7 Billionen Rubel erreichen. Damit wird die Frage dringlicher, welche zivilen Vorhaben künftig zurückstehen müssen oder über zusätzliche Einnahmen finanziert werden.
Die neue Ermächtigung löst das akute Finanzierungsproblem Russlands vorerst durch mehr Schulden. Offen bleibt, wie lange Banken und Investoren bereit sind, den Staat zu diesen Konditionen zu finanzieren – und wann die wachsende Zinslast in Form höherer Abgaben, teurerer Kredite oder geringerer öffentlicher Leistungen bei der Bevölkerung ankommt.
