Am 5. November 2026 haben Unternehmerinnen und Unternehmer mit Migrationsgeschichte in Halle ihre Geschäfte, Restaurants und Dienstleistungsbetriebe vorübergehend geschlossen. Unter dem Motto „Halle ohne uns?“ wollte die Initiative MigraStark sichtbar machen, wie stark das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der Stadt von Menschen mit Einwanderungsgeschichte geprägt ist.
Die Aktion richtete sich gegen Rassismus und Diskriminierung. Zugleich war sie eine Reaktion auf die wachsende Unsicherheit nach dem Erfolg der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September. Die Organisatoren befürchten, dass eine politische Stimmung, die sich gegen Migrantinnen und Migranten richtet, nicht nur das gesellschaftliche Klima verschärft, sondern auch die wirtschaftliche Zukunft der Region belastet.
Ein Protest, der durch Abwesenheit sichtbar wird
Die vorübergehend geschlossenen Läden sollten mehr zeigen als die Haltung einzelner Geschäftsleute. Für kurze Zeit fehlten Orte, die zum Alltag Halles gehören: Geschäfte, gastronomische Betriebe und Dienstleister, die Arbeitsplätze schaffen, Kunden versorgen und Nachbarschaften prägen.
Der Slogan „Halle ohne uns?“ stellt dabei eine einfache, aber weitreichende Frage. Was würde in einer Stadt fehlen, wenn die Menschen, die ihre Betriebe aufgebaut haben oder dort arbeiten, nicht mehr da wären? Die Aktion machte die Antwort nicht über Statistiken sichtbar, sondern über leere Schaufenster und geschlossene Türen.
Damit verband MigraStark zwei Ebenen. Die Initiative wandte sich gegen die Abwertung von Menschen mit Migrationsgeschichte und erinnerte zugleich daran, dass Migration in Halle kein Randthema ist. Sie ist Teil des lokalen Handels, der Gastronomie und des Dienstleistungssektors. Die Beteiligten forderten gleiche Rechte und Schutz vor Diskriminierung.
Ein Bericht über die Protestaktion in Halle beschreibt die Sorge der Organisatoren über die Entwicklung in der Region nach dem Wahlerfolg der AfD. Die zeitliche Nähe zur Landtagswahl verleiht der Aktion ihre politische Schärfe: Sie war nicht nur ein Protest gegen einzelne rassistische Erfahrungen, sondern auch ein Signal gegen die Normalisierung antimikrationspolitischer Positionen.
Wenn politische Rhetorik den Arbeitsmarkt erreicht
Die AfD mobilisiert Wählerinnen und Wähler unter anderem mit Forderungen nach einer deutlich restriktiveren Migrationspolitik. Dazu gehören Forderungen nach massenhaften Abschiebungen, nach einer Begrenzung der Arbeitsmigration und nach einer stärkeren Verdrängung von Menschen mit Migrationsgeschichte aus dem öffentlichen Leben. Die Organisatoren der Hallenser Aktion sehen darin eine Rhetorik, die gesellschaftliche Gegensätze verschärft und ein Klima der Feindseligkeit begünstigt.
Die wirtschaftliche Wirkung solcher Politik entsteht nicht erst dann, wenn ein Betrieb tatsächlich schließt. Bereits die Wahrnehmung, nicht willkommen oder künftig unsicher zu sein, kann Entscheidungen beeinflussen: Bleiben Beschäftigte in der Region? Gründen Unternehmerinnen und Unternehmer weitere Betriebe? Kommen Fachkräfte nach Deutschland oder suchen sie sich einen anderen Standort?
Deutschland ist auf Arbeitskräfte aus dem Ausland und auf die Unternehmen von Menschen mit Migrationsgeschichte angewiesen. In vielen Branchen erschwert der Mangel an Personal bereits die Expansion oder den täglichen Betrieb. Eine politische Atmosphäre, die Zuwanderung und sichtbare Einwanderung pauschal als Problem behandelt, könnte diesen Druck verstärken, weil sie Deutschland für Beschäftigte und Unternehmer weniger attraktiv macht.
Das Beispiel Halle belegt nicht, dass Betriebe dauerhaft schließen oder dass die deutsche Wirtschaft infolge der AfD-Politik unmittelbar schrumpfen wird. Es macht jedoch einen möglichen Mechanismus deutlich: Ausgrenzung kann zunächst das Sicherheitsgefühl schwächen und erst später wirtschaftliche Folgen haben. Menschen investieren weniger, verzichten auf einen Umzug oder verlassen eine Region, lange bevor sich eine solche Entwicklung in offiziellen Statistiken zeigt.
Die Kosten eines feindseligen Klimas
Für die beteiligten Unternehmerinnen und Unternehmer geht es deshalb um mehr als um Anerkennung ihres Beitrags zur lokalen Wirtschaft. Sie sehen ihre gesellschaftliche Zugehörigkeit infrage gestellt. Wer sich gegen Rassismus wehren muss, muss zugleich die Selbstverständlichkeit verteidigen, mit der er arbeitet, investiert und ein Unternehmen führt.
Das kann soziale Spaltungen vertiefen. Wenn Menschen mit Migrationsgeschichte ihre wirtschaftliche Rolle immer wieder gegen politische Angriffe behaupten müssen, wird aus einem normalen Geschäftsbetrieb eine öffentliche Stellungnahme. Die Verantwortung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt liegt dann nicht nur bei den Betroffenen, sondern auch bei Institutionen und politischen Kräften, die bestimmen, welche Formen der Ausgrenzung als akzeptabel gelten.
Der Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt hat diese Debatte in Halle zugespitzt. Für MigraStark steht die Frage im Raum, ob die Region ein Ort bleiben soll, an dem Menschen unterschiedlicher Herkunft sicher leben und wirtschaftlich tätig sein können. Die Protestaktion hat darauf eine konkrete Antwort gegeben: Ohne die Migrantinnen und Migranten, die Geschäfte führen, Dienstleistungen anbieten und Arbeitsplätze schaffen, wäre Halle nicht dieselbe Stadt.
Ob der eintägige Protest die politische Stimmung verändert, bleibt offen. Klar ist jedoch, worin seine Warnung besteht: Eine Gesellschaft kann Menschen ausgrenzen und zugleich versuchen, ihre wirtschaftliche Leistung zu behalten. Auf Dauer lässt sich beides nur schwer voneinander trennen.
