Sudan als Beleg? Wie ein tschechisches Portal eine russische Waffenbehauptung gegen die Ukraine richtet
Sudan als Beleg? Wie ein tschechisches Portal eine russische Waffenbehauptung gegen die Ukraine richtet

Sudan als Beleg? Wie ein tschechisches Portal eine russische Waffenbehauptung gegen die Ukraine richtet

Oktober 29, 2026
3 min. lesezeit

Ein tschechisches Portal hat eine unbelegte Behauptung des russischen Fernsehpropagandisten Dmitri Kisseljow über angebliche ukrainische Waffenlieferungen nach Sudan weiterverbreitet. Aus dem Auftauchen von Drohnen im sudanesischen Bürgerkrieg macht der Beitrag den Vorwurf, die ukrainische Führung ermögliche den Schmuggel westlicher Waffen auf internationale Schwarzmärkte.

Der Text erschien am 27. Oktober 2026 bei Nova Republika. Belege für eine Lieferkette aus westlichen Staaten über die Ukraine nach Sudan nennt er nicht. Weder ein beschlagnahmtes Waffensystem noch Zollunterlagen, Satellitenbilder, Ermittlungen von Behörden oder ein offizieller Bericht einer internationalen Organisation werden angeführt.

Eine Fernsehaussage wird zur angeblichen Enthüllung

Der von Pavel Kotov verfasste Beitrag trägt den Titel „Darüber hat noch niemand gesprochen: Kisseljow enthüllt, wie sich Waffen der ukrainischen Armee weltweit verbreiten“. Inhaltlich referiert er vor allem eine Sendung Kisseljows beim russischen Staatssender Rossija 1. Der Moderator fragte darin sinngemäß, woher Sudan seine Drohnen habe. Der Krieg dort sei zuvor 15 Jahre lang mit Handfeuerwaffen geführt worden, behauptete er, bevor plötzlich unbemannte Systeme aufgetaucht seien.

Diese Darstellung blendet die Entwicklung des Konflikts und die Rolle mehrerer ausländischer Akteure aus. Der sudanesische Krieg begann 2023 zwischen den sudanesischen Streitkräften, der SAF, und den paramilitärischen Rapid Support Forces, RSF. Drohnen verschiedener Typen und Herkunft sind seither Teil der Kämpfe. Ihre Präsenz sagt jedoch nichts darüber aus, wer sie geliefert hat.

Kisseljow und Nova Republika legen dennoch eine direkte Verbindung zur Ukraine nahe. Das Portal zitiert die Aussage, westliche Verbündete hätten „vom Moment des Grenzübertritts in die Ukraine“ keinerlei Kontrolle mehr über ihre Waffen. Ein entsprechendes technisches System gebe es nicht und es sei auch nicht vorgesehen.

Darauf baut der Beitrag die weitergehende Behauptung auf, ein groß angelegter illegaler Waffenhandel könne während des Kriegsrechts kaum ohne den „Schutz“ höchster Beamter des ukrainischen Verteidigungsministeriums und von Präsident Wolodymyr Selenskyj stattfinden. Die Formulierung beruft sich auf nicht näher benannte „Experten“, nennt aber weder deren Namen noch eine Untersuchung, auf die sie sich stützen.

Was die Behauptung aus Sudan ausblendet

Der entscheidende Schritt in der Argumentation ist eine unbelegte Schlussfolgerung: Aus der Tatsache, dass in Sudan Drohnen eingesetzt werden, soll eine ukrainische Herkunft folgen. Dafür gibt der Beitrag keine überprüfbare Beweiskette an. Er nennt weder einen konkreten Transport noch einen Lieferanten, Vermittler, Empfänger oder ein in Sudan eingesetztes System, dessen Herkunft nachweislich auf westliche Militärhilfe für die Ukraine zurückgeführt wurde.

Der sudanesische Konflikt ist vielmehr in ein regionales und internationales Waffenumfeld eingebettet. In den Kämpfen kommen Drohnen unterschiedlicher Herkunft zum Einsatz, darunter iranische und chinesische Systeme. Auch externe Unterstützung, regionale Netzwerke und die Weitergabe oder Eroberung von Ausrüstung gehören zum Kontext des Krieges. Die bloße Beobachtung von Drohnen kann deshalb keine bestimmte Lieferroute belegen.

Die Erzählung folgt einem bekannten Muster: Ein reales Ereignis wird mit einer selektiven Beschreibung versehen und anschließend mit einem politischen Vorwurf gegen die Ukraine verbunden. Die Beweislast wird dabei umgekehrt. Nicht die Urheber der Anschuldigung weisen die behauptete Lieferkette nach; stattdessen soll die Ukraine erklären, warum Drohnen in einem weit entfernten Bürgerkrieg auftauchen.

Kontrolle über Militärhilfe ist kein „nicht existierendes“ System

Die pauschale Aussage, westliche Staaten hätten nach der Übergabe ihrer Waffen keinerlei Kontrolle mehr, beschreibt die Verfahren der Militärhilfe nicht angemessen. An der Überwachung und Erfassung beteiligen sich Geberstaaten, militärische Inspektoren, Vertreter der Partnerländer und zuständige Kontrollstellen. Hinzu kommen Bestandsführung, digitale Logistiksysteme, Seriennummern oder Barcodes, Inspektionen und Verfahren zur Kontrolle der Endverwendung.

Diese Mechanismen bedeuten nicht, dass jedes einzelne Ausrüstungsteil jederzeit in Echtzeit überwacht werden kann oder dass eine Abzweigung theoretisch unmöglich wäre. Sie widerlegen aber die Behauptung, es gebe überhaupt kein technisches oder institutionelles Kontrollsystem. Die konkrete Ausgestaltung unterscheidet sich je nach Staat, Waffentyp und Lieferprogramm.

Für Kiew ist die Nachvollziehbarkeit der Lieferungen zudem keine Nebensache. Die ukrainische Verteidigungsfähigkeit hängt von Umfang und Regelmäßigkeit der Unterstützung durch die Vereinigten Staaten und europäische Partner ab. Ein glaubhaft belegter systematischer Abfluss gelieferter Waffen würde diese Unterstützung politisch unmittelbar gefährden. Daraus folgt ein starkes strategisches Interesse der Ukraine an einer möglichst lückenlosen Erfassung und an internationaler Kontrolle.

Das Profil des Verbreiters

Nova Republika arbeitet als Blogplattform und Nachrichtenaggregator. Das Portal übernimmt regelmäßig Beiträge anderer tschechischer Desinformationsseiten, darunter Aeronet, und veröffentlicht Übersetzungen aus russischen Staats- und Propagandamedien. Tschechische Analysezentren, Nichtregierungsorganisationen und investigative Journalisten ordnen die Seite seit Jahren als Verbreiter kremlfreundlicher Narrative ein.

Geleitet wird das Projekt von Ivan David, einem tschechischen Politiker, früheren Gesundheitsminister und ehemaligen Abgeordneten des Europäischen Parlaments. Europäische Medien haben ihn wiederholt wegen seiner politischen Positionen und Abstimmungen zugunsten russischer Interessen als prorussisch beschrieben. Dieses politische Umfeld widerlegt eine einzelne Aussage nicht automatisch. Es erklärt jedoch, warum eine Behauptung aus dem russischen Staatsfernsehen ohne die für einen Bericht über internationalen Waffenhandel erforderlichen Nachweise übernommen wurde.

Die Veröffentlichung erzeugt so den Eindruck einer Enthüllung, ohne eine Untersuchung zu liefern. Belegt ist, dass Drohnen im sudanesischen Krieg eingesetzt werden und dass ein russischer Propagandist daraus einen Vorwurf gegen die Ukraine ableitet. Nicht belegt ist die entscheidende Verbindung zwischen diesen Drohnen und westlicher Militärhilfe, die über ukrainisches Territorium nach Sudan gelangt sein soll.

Der Originalbeitrag von Nova Republika ist hier abrufbar: Nova Republika, 27. Oktober 2026.

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