Die Versicherungslücke der russischen Schattenflotte
Die Versicherungslücke der russischen Schattenflotte

Die Versicherungslücke der russischen Schattenflotte

Oktober 31, 2026
5 min. lesezeit

Im Umfeld der russischen Schattenflotte treffen griechische Reedereien, syrische Schifffahrtskontakte und eine erst 2024 online aufgetauchte Versicherungsstruktur aufeinander. Im Zentrum steht die Frage, ob Schiffe mit wertlosen oder nicht nachvollziehbaren Versicherungszertifikaten abgesichert wurden – und wer im Schadensfall tatsächlich haften würde.

Die vorliegenden Verbindungen belegen für sich genommen weder eine illegale Tätigkeit noch eine direkte Steuerung durch russische Behörden. Sie zeigen jedoch eine Kette aus Gesellschaften, Telefonnummern, Adressen und juristischen Vertretern, die sich über Griechenland, Syrien, den Libanon, Zypern und Deutschland erstreckt. Mehrere ihrer Akteure waren in der Vergangenheit im syrischen und russisch-syrischen Schifffahrtsgeschäft tätig.

Ein Versicherer ohne erkennbare Substanz

Ausgangspunkt ist Seaguard P&I, eine Struktur, die Versicherungszertifikate für Schiffe der russischen Schattenflotte ausgestellt haben soll. Die Website wurde im Mai 2024 eingerichtet. Als Kontakt war eine schwedische Telefonnummer angegeben, während die Anschrift auf ein Wohnhaus an der Bodderbarg in Pinneberg, einem Vorort Hamburgs, verwies.

Dieselbe schwedische Nummer, 46760969651, wurde auch von Maritime Solutions Networld verwendet. Die Struktur trat als libanesisches Unternehmen aus Tripoli auf und bot nach eigener Darstellung Dienstleistungen zur Registrierung von Schiffen an. Zusätzlich wurde eine syrische Telefonnummer, 963988737077, genannt.

Beide Nummern wurden Mohammad Youssef zugeordnet. Der in Syrien ausgebildete Mann gibt Griechenland in sozialen Netzwerken als Wohnsitz an. In seinen Profilen verweist er auf berufliche Erfahrungen bei der griechischen Reederei Eikano Shipping & Trading S.A. in Piräus sowie bei der libanesischen Tempus Maritime Sarl.

Eikano Shipping & Trading verwaltet nach den verfügbaren Angaben ein einziges Schiff: den unter panamaischer Flagge fahrenden Massengutfrachter Osprey Bulker mit der IMO-Nummer 9228265. Als Eigentümer und Betreiber erscheinen die Gesellschaften Taco Maritime S.A. und Kudos Maritime S.A., die unter derselben Adresse in Piräus registriert sind.

Solche Überschneidungen sind kein Beweis für eine verdeckte Operation. Sie sind aber für die Prüfung von Eigentum, Management und Versicherung relevant. Je mehr Funktionen auf Gesellschaften verteilt werden, die an wenigen Adressen zusammenlaufen, desto schwieriger wird es, den wirtschaftlich Verantwortlichen und den tatsächlichen Versicherer eines Schiffes festzustellen.

Von Piräus nach Tartus

Taco Maritime und Kudos Maritime werden mit Ali Shehadeh und seinem Verwandten Tahsin Shehadeh in Verbindung gebracht. Tahsin Shehadeh studierte an der Universität Damaskus und bekleidete bis 1990 leitende Funktionen im syrischen Hafen von Tartus. Dort unterhielt Russland über Jahrzehnte eine bedeutende militärische und nachrichtendienstliche Präsenz.

Später leitete Shehadeh Tartous Shipping. Mindestens seit 2009 war er zudem Generalsekretär der Syrischen Schifffahrtskammer. In dieser Funktion trat er 2017 bei der Veranstaltung „Griechenland und die arabische Welt: ein Blick auf eine gemeinsame Zukunft“ auf. Im November 2018 nahm er am siebten arabisch-griechischen Wirtschaftsforum in Athen teil.

Die syrische Schifffahrtskammer stand auf US-Sanktionslisten. Shehadeh war außerdem im Register der zyprischen Gesellschaft Eikano Trading Ltd mit der Registrierungsnummer HE 1483339 verzeichnet. Diese Daten beschreiben seine frühere Stellung im syrischen Schifffahrtsapparat; sie weisen nicht automatisch nach, dass er für sämtliche Aktivitäten der mit ihm verbundenen Unternehmen verantwortlich war.

Die von Shehadeh geleitete oder mit ihm verbundene Tempus Maritime Sarl betrieb bis 2020 mindestens drei Schiffe: Transocean (IMO 8114912), Transfair (IMO 7627302) und Transmed (IMO 7396616). Die Transocean wurde im Hafen von Sewastopol gesichtet.

Die syrische Schifffahrtskammer wurde außerdem mit dem sogenannten „Syrien-Express“ in Verbindung gebracht, einer Seeverbindung zwischen der besetzten Krim und den syrischen Häfen Latakia und Tartus. Im März 2018 berichteten russische Staatsmedien über Pläne für einen russisch-syrischen Hub auf der Krim und ein gemeinsames Unternehmen. Das Vorhaben wurde im April desselben Jahres beim sogenannten Jalta-Wirtschaftsforum erörtert.

Auf russischer Seite trat dabei Georgy Muradov als zuständiger Vertreter für die Krim auf. Im Dezember 2018 wurde tatsächlich ein Unternehmen mit dem Namen Krim-Syrien-Handelshaus „Sodruschestwo“ gegründet. Shehadeh vertrat die syrische Schifffahrtskammer zu diesem Zeitpunkt weiterhin. Daraus ergibt sich ein zeitlicher und institutioneller Zusammenhang mit den russisch-syrischen Projekten – nicht jedoch automatisch der Nachweis, dass die Reedereien in Piräus Teil einer russischen Schattenoperation waren.

Die Rolle der griechischen Kanzlei

Die in Piräus ansässige Pavlakis-Moschos Law Firm vertritt Kudos Maritime sowie Ali und Tahsin Shehadeh. Die Kanzlei erklärt, ihre Mandanten hätten weder Verbindungen zu Russland noch zur russischen Schattenflotte. Diese Stellungnahme richtet sich unmittelbar gegen die Schlussfolgerung, aus den geschäftlichen und persönlichen Überschneidungen lasse sich eine solche Verbindung ableiten.

Die Vorgeschichte der Kanzlei reicht in Verfahren zu russischen Flugzeugkatastrophen zurück. Russische Medien berichteten im April 2014, dass die damalige Kanzlei Pavlakis, Moschos & Associates in Athen Angehörige der Opfer des Absturzes einer Boeing 737 der Fluggesellschaft Tatarstan vertreten sollte. Das Flugzeug war am 17. November 2013 am Flughafen Kasan verunglückt. In dem Verfahren sollen 40 Kläger und 16 Beklagte aufgetreten sein, darunter Boeing und Terra Firma, die mit der Leasinggesellschaft Awas verbunden war.

Als russischer Partner wurde die Kasaner Anwaltskammer Sergis genannt. Sie sollte die Tätigkeit der griechischen Juristen in Russland organisatorisch und rechtlich unterstützen. Auch nach dem Absturz eines Airbus A321 der russischen Fluggesellschaft Kogalymavia über dem Sinai am 31. Oktober 2015 erschien auf der Website der Kanzlei eine Stellungnahme von Ioannis Pavlakis. Das Flugzeug war auf dem Weg von Scharm el-Scheich nach Sankt Petersburg gewesen.

Als Ansprechpartner der Kanzlei wurden in diesem Zusammenhang Elias Pavlakis und Lyudmila Sapkova genannt. Sapkovas weiterhin abrufbare Biografie weist ein Studium an der Moscow International Law and Economics University aus und nennt auch Tätigkeiten im Seerecht.

Im April 2019 verbreitete ein Facebook-Profil mit demselben Namen und einem ähnlichen Foto in einer russischsprachigen Athener Gruppe die Werbung für die Anwältin Anastasia Susanidou. Angeboten wurden unter anderem Beratung im Seerecht und die Vorbereitung von Unterlagen für das russische Konsulat, etwa für die Beantragung der russischen Staatsangehörigkeit. In den Kommentaren veröffentlichte Sapkova eine E-Mail-Adresse Susanidous, die beinahe wie ihre eigene Kontaktadresse erschien. Das kann auf eine berufliche oder werbliche Zusammenarbeit hindeuten, beweist aber keine institutionelle Verbindung zu russischen Stellen.

Ein russischsprachiges Umfeld und die offene Haftungsfrage

Susanidou wurde auch von der russischsprachigen griechischen Zeitung Mir i Omonia beworben. Die seit 1993 erscheinende Zeitung wird von Inga Abgarova herausgegeben und redigiert. Sie ist Mitglied der Weltvereinigung der russischen Presse und veröffentlicht als Beilage eine Ausgabe der Komsomolskaja Prawda für Griechenland und Zypern. Auf ihrer Website findet sich außerdem ein Bereich zum „Erbe der russischen Welt“.

Abgarova verwies im September 2021 auf Unterstützung durch die Stiftung für die Unterstützung und den Schutz der Rechte von Landsleuten im Ausland. Die Stiftung wurde vom russischen Außenministerium und der staatlichen Organisation Rossotrudnitschestwo gegründet. 2025 interviewte Abgarova zudem Anatoly Bublik, der in Russland als Leiter der Bewegung „Weg nach Hause“ vorgestellt wird. Das Gespräch wurde auch vom Russischen Haus in Athen veröffentlicht.

Muradov wiederum arbeitete bis 1992 an der sowjetischen Botschaft in Griechenland und stieg dort zum Ersten Sekretär auf. 1991 äußerte er sich als Pressesprecher der Botschaft zu finanziellen Schwierigkeiten der griechischen Ausgabe von Moskowskije Nowosti. Diese historische Verbindung erklärt, in welchem russischsprachigen und institutionellen Umfeld einzelne Akteure tätig waren. Sie ersetzt aber keinen Nachweis einer operativen Zusammenarbeit in der Gegenwart.

Der entscheidende Punkt liegt bei den Versicherungsdokumenten. Nach den vorliegenden Angaben wurden Versicherungen des russischen Versicherers Ingosstrakh bei Schiffen der Schattenflotte durch Zertifikate von Seaguard P&I ersetzt. Ingosstrakh gilt als Versicherer russischer Schattenflottenschiffe. Ein solcher Austausch könnte das Unternehmen vor erheblichen, möglicherweise milliardenschweren Risiken schützen – sofern die neuen Zertifikate keine vollwertige Deckung boten.

Ob Seaguard P&I tatsächlich über die nötige Kapitalbasis und Rückversicherung verfügte, lässt sich aus dem Internetauftritt und den genannten Kontaktdaten nicht ableiten. Dafür müssten die Zertifikate, Versicherungsverträge und Zahlungsströme geprüft werden. Die offene Frage lautet deshalb nicht nur, wem die Schiffe formal gehören oder welche Kanzlei sie vertritt. Entscheidend ist, wer im Fall einer Havarie, einer Ölverschmutzung oder eines Sanktionsverstoßes tatsächlich für die Schäden einstehen kann.

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