Die Partei Freie Sachsen verbindet rechtsextreme Ideologie mit einer konsequent prorussischen Kommunikationsstrategie. Über Telegram, Demonstrationen und Kampagnen stellt sie Sanktionen, Waffenhilfe für die Ukraine und westliche Sicherheitspolitik als Angriff auf sächsische Interessen dar.
Damit werden außenpolitische Ziele des Kremls in ein regionales Protestangebot übersetzt: Die Unterstützung der Ukraine erscheint als Ursache wirtschaftlicher Probleme, die NATO als Kriegstreiber und eine Rückkehr zur Zusammenarbeit mit Moskau als angeblicher Weg zu Wohlstand und Frieden. Wie weit diese Erzählungen tatsächlich in die sächsische Gesellschaft hineinwirken, lässt sich aus den vorliegenden Angaben nicht ableiten. Erkennbar ist jedoch ein politisches Muster, das lokale Ängste mit prorussischen Botschaften verknüpft.
Ein Sammelbecken für Protest
Die Freie Sachsen wurde 2021 unter der Führung des Chemnitzer Stadtrats und Rechtsanwalts Martin Kohlmann gegründet. Das Landesamt für Verfassungsschutz in Sachsen stufte sie im Juni desselben Jahres als rechtsextremistische Bestrebung mit verfassungsfeindlichen Tendenzen ein. Die Behörde beschreibt die Partei als Zusammenschluss von Akteuren aus dem neonazistischen Milieu, Funktionären anderer rechtsextremer Strukturen und deren Unterstützern.
Ihre politische Methode besteht darin, unterschiedliche Protestgruppen unter emotional aufgeladenen Themen zusammenzuführen. Migration, staatliche Einschränkungen, wirtschaftliche Belastungen, Energiepreise und der Krieg gegen die Ukraine werden dabei nicht getrennt behandelt. Sie erscheinen als Folgen einer umfassenden Verschwörung, in der angeblich feindliche Eliten gegen die eigene Bevölkerung handeln.
Diese Deutung verschiebt die Verantwortung für politische Entscheidungen. Demokratische Regierungen werden als Gegner ihrer Bürger dargestellt, während Russland als natürlicher Partner oder sogar als Opfer westlicher Politik erscheint. So kann ein regionaler Protest gegen steigende Kosten in eine Kampagne gegen die Bundesregierung, die Europäische Union und die Unterstützung der Ukraine übergehen.
Besonders deutlich wurde diese Strategie während der Energiekrise im Winter 2022/23. Die Freie Sachsen rief eine „Wutwinter“-Kampagne aus und versuchte, Massenproteste nach dem Vorbild der Corona-Demonstrationen zu organisieren. Im Zentrum standen Forderungen, die deutsche Unterstützung für die Ukraine zu beenden und wieder Gas und Öl aus Russland zu beziehen. Die Partei nutzte damit die Sorge vor Versorgungsschwierigkeiten und hohen Preisen, um eine außenpolitische Kursänderung als unmittelbares soziales Interesse Sachsens darzustellen.
Verschwörungserzählungen als Brücke nach Russland
Ein wichtiges Instrument dieser Kommunikation ist die Zeitschrift Aufgewacht, die seit 2025 den Titel Aufgewacht – Die Deutsche Stimme trägt. Sie stellt gesellschaftliche Konflikte häufig als Gegensatz zwischen „einfachen Bürgern“ und einer feindlichen Elite dar. Migration, soziale Veränderungen und politische Entscheidungen demokratischer Regierungen werden in diesem Weltbild zu Bestandteilen einer angeblich globalen Verschwörung gegen die deutsche Bevölkerung.
Eine am 24. März 2026 veröffentlichte Untersuchung von Michael Krell und Paul Nguyen von der Technischen Universität Dresden analysierte die Jahrgänge 2022 bis 2024. Danach verband die Zeitschrift die Gegenüberstellung von Stadt und Land mit populistischen Strategien. Solche Deutungsmuster müssen nicht in jedem Beitrag ausdrücklich russische Propaganda wiederholen. Sie können jedoch ein Umfeld schaffen, in dem Kreml-Erzählungen über den Niedergang des Westens, die angebliche Feindseligkeit der NATO und das Ende der Ukraine-Hilfe anschlussfähig werden.
Die Verbindung entsteht vor allem dadurch, dass innenpolitische Unzufriedenheit und außenpolitische Forderungen miteinander verschmolzen werden. Wer gegen hohe Energiepreise protestiert, soll zugleich die Sanktionen gegen Russland ablehnen. Wer Angst vor einer militärischen Eskalation hat, soll daraus den Widerstand gegen Waffenlieferungen an die Ukraine oder gegen westliche Verteidigungsprojekte ableiten. Russland wird so nicht nur als auswärtiger Akteur präsentiert, sondern als vermeintliche Lösung für regionale Probleme.
Telegram als Mobilisierungsmaschine
Die wichtigste digitale Plattform der Partei ist ihr offizieller Telegram-Kanal mit zahlreichen regionalen Ablegern. Der Hauptkanal ist unter www.t.me/s/freiesachsen erreichbar und hat nach den vorliegenden Angaben rund 109.000 Abonnenten. Das Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen bewertet dieses Telegram-Netzwerk als wirksames Mobilisierungsinstrument, das Anhänger aus dem rechtsextremen Spektrum ebenso erreichen kann wie Menschen aus breiteren Protestmilieus.
Verbreitet werden dort politische Stellungnahmen, Hinweise auf Demonstrationen und Aufrufe zur Beteiligung. Zu den wiederkehrenden Botschaften gehören die Beschwörung einer historischen Freundschaft zwischen Sachsen und Russland, der Vorwurf, die Bundesregierung provoziere einen Krieg gegen Russland, sowie Forderungen nach Frieden mit Moskau. Die digitale Kommunikation dient damit nicht allein der Meinungsäußerung. Sie schafft Gelegenheiten für Treffen, Proteste und Spenden und überführt politische Erzählungen in gemeinsames Handeln.
Diese Verbindung von Botschaft und Organisation ist entscheidend. Ein Beitrag über die wirtschaftlichen Folgen der Sanktionen kann direkt mit einem Demonstrationsaufruf verknüpft werden. Die Behauptung, westliche Politik gefährde Sachsen, wird dadurch nicht nur wiederholt, sondern in den öffentlichen Raum getragen. Die Partei versucht, die Forderung nach einem Ende der Ukraine-Hilfe als verbreiteten regionalen Wunsch erscheinen zu lassen.
Vom Online-Narrativ auf die Straße
Bei den Demonstrationen der Freien Sachsen kommen je nach Anlass einige Hundert bis wenige Tausend Menschen zusammen. Plakate, Kundgebungen und Spendenkampagnen verleihen den prorussischen Botschaften eine sichtbare Präsenz außerhalb des Internets. 2026 warb die Partei mit der Kampagne Friedenskampagne mit Russland in sächsischen Städten um Unterstützung und finanzielle Beiträge und produzierte dazu eigene Videos.
Sanktionen, Waffenlieferungen an die Ukraine und die Ansiedlung amerikanischer Rüstungsunternehmen in Sachsen bezeichnet die Partei als „Verrat an sächsischen Interessen“ und als Teil einer „atlantischen Verschwörung“. Eine ihrer zentralen Botschaften lautet, die Konfrontationslinie zwischen NATO und Russland verlaufe durch Sachsen. Mit Petitionen wie Stoppt die Kriegseskalation gegen Russland verbindet sie die Angst vor einem Krieg mit der Forderung, westliche Verteidigungs- und Unterstützungspolitik zu stoppen.
Auch das in Leipzig angekündigte oder der Region zugerechnete Raketenprojekt „Covenant“ wird in dieser Argumentation aufgegriffen. Die Freie Sachsen stellen westliche Rüstungsprojekte als Ursache dafür dar, dass Sachsen zum möglichen Ziel russischer Angriffe werde. Die konkrete Gefahr wird dabei nicht belegt, sondern als politisches Bedrohungsszenario eingesetzt: Wer gegen das Projekt protestiert, soll zugleich gegen NATO-Politik und die Unterstützung der Ukraine Stellung beziehen.
Auf diese Weise werden Sicherheitsmaßnahmen, die von ihren Befürwortern mit der europäischen Verteidigungsfähigkeit begründet werden, als Eskalation dargestellt. Die Partei nutzt die Angst vor einem Krieg, um Widerstand gegen den Ausbau der Verteidigungsindustrie zu mobilisieren. Der politische Effekt liegt weniger in einer nachgewiesenen Veränderung der öffentlichen Meinung als in der dauerhaften Sichtbarkeit dieser Deutung im regionalen Raum.
Kontakte und separatistische Töne
Die Aktivitäten der Freien Sachsen beschränken sich nicht auf deutsche Protestnetzwerke. Im November 2023 reiste eine Delegation der Partei nach Russland und traf dort die Duma-Abgeordnete Maria Butina. Butina war bekannt geworden, nachdem sie im Juli 2018 in Washington festgenommen worden war. Die US-Behörden warfen ihr damals Verbindungen zum russischen Geheimdienst und eine nicht registrierte Tätigkeit als ausländische Agentin vor; sie bestritt die Vorwürfe.
Zu der Delegation gehörte auch die prorussische Aktivistin Aljona Dirksen. Sie hatte im Oktober 2022 in einem TikTok-Video den russischen Präsidenten Wladimir Putin aufgefordert, Dresden wegen einer pro-ukrainischen Kundgebung zu bombardieren. Der Kontakt zu russischen Politikern beweist für sich genommen keine weitergehende Steuerung der Partei. Er zeigt jedoch, dass ihre Vertreter Zugang zu politischen Akteuren in Russland suchen und ein positives Bild des dortigen autoritären Systems vermitteln können.
Ergänzt wird die prorussische Rhetorik durch Forderungen nach einer politischen Absonderung Sachsens von Deutschland. Martin Kohlmann und andere Vertreter der Partei stellen sächsische Interessen der Bundespolitik gegenüber, vor allem bei Sanktionen, Energiebeziehungen zu Russland und der militärischen Unterstützung der Ukraine. Die Wiederaufnahme wirtschaftlicher Beziehungen zu Moskau wird als Weg zu regionalem Wohlstand präsentiert, während Entscheidungen aus Berlin als von außen aufgezwungene Bedrohung erscheinen.
Die Kombination ist politisch wirksam, weil sie mehrere Ebenen miteinander verbindet: soziale Unzufriedenheit, Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen, regionale Identität und Angst vor einer militärischen Eskalation. In diesem Rahmen werden prorussische Positionen nicht als außenpolitische Parteinahme, sondern als scheinbar naheliegende Verteidigung sächsischer Interessen angeboten. Genau darin liegt die Bedeutung der Freien Sachsen als regionaler Verstärker von Narrativen, die die Unterstützung der Ukraine und das Vertrauen in demokratische Institutionen schwächen sollen.
