COMPACT: Wie ein rechtsextremes Medienunternehmen zur politischen Infrastruktur wurde
COMPACT: Wie ein rechtsextremes Medienunternehmen zur politischen Infrastruktur wurde

COMPACT: Wie ein rechtsextremes Medienunternehmen zur politischen Infrastruktur wurde

November 4, 2026
5 min. lesezeit

COMPACT ist längst mehr als ein Magazin. Unter der Führung von Jürgen Elsässer entstand seit 2010 ein wirtschaftlich erfolgreiches Netzwerk aus Printmedium, Videokanal, Filmfirma, Onlinehandel und Protestorganisation, das rechtsextreme Positionen mit prorussischer Kriegspropaganda verbindet.

Die deutsche Innenbehörde verbot COMPACT-Magazin GmbH und CONSPECT Film GmbH im Juli 2024. Vorausgegangen waren jahrelange Beobachtung durch den Verfassungsschutz, Kampagnen zugunsten der Alternative für Deutschland (AfD) und eine publizistische Linie, die westliche Staaten für Russlands Krieg gegen die Ukraine verantwortlich macht. Das Beispiel zeigt, wie ein Medienprojekt zugleich als Geschäftsmodell, politisches Kampagneninstrument und Resonanzraum für extrem rechte Netzwerke funktionieren kann.

Vom Magazin zum Medienverbund

COMPACT wurde Ende 2010 in Brandenburg gegründet. Chefredakteur und maßgeblicher Eigentümer ist Jürgen Elsässer, Jahrgang 1957. Aus dem monatlich erscheinenden Magazin für Souveränität entwickelte sich ein Verbund mit einer Auflage von etwa 40.000 Exemplaren, dem Videokanal COMPACT-TV mit rund 598.000 Abonnenten, einem Onlineshop und der Filmgesellschaft CONSPECT Film.

Die Geschäftsführung von CONSPECT Film liegt bei Elsässers Ehefrau Stefanie Elsässer. Der Unternehmenssitz befand sich zunächst in Falkensee und später in Stößen. Einnahmen erzielt das Netzwerk durch den Verkauf von Zeitschriften und Büchern, Mitgliedsbeiträge eines geschlossenen Klubs, den Onlinehandel, Spenden und Werbung. Seit 2019 soll das Projekt daraus jährlich Gewinne in Höhe von mehreren hunderttausend Euro erwirtschaften.

Damit ist COMPACT nicht auf klassische Werbeerlöse angewiesen. Der eigene Vertrieb ermöglicht es, politische Botschaften mit Produkten zu verbinden: Im Sortiment finden sich prorussische und radikal rechte Symbolik, Bücher, Kleidung und Kampagnenmaterial. Die Einnahmen finanzieren wiederum die Reichweite des Medienverbunds und dessen Veranstaltungen.

In Berichten des Bundesamts für Verfassungsschutz aus dem Jahr 2024 wurde COMPACT als Sprachrohr der rechtsextremen Bewegung Pegida bis zu deren formeller Auflösung beschrieben. Zugleich wurde dem Projekt eine aktive Unterstützung des radikalen Flügels der AfD zugeschrieben. COMPACT präsentiert sich dagegen als unabhängige Gegenöffentlichkeit und stellt etablierte Medien und investigative Rechercheplattformen als parteiisch dar.

Finanzierung durch Unternehmer aus dem rechten Milieu

Eine zentrale Rolle bei der Finanzierung spielt der hessische Immobilienunternehmer und Bauingenieur Hartmut Issmer aus Erlensee. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel berichtete im März 2024, Issmer habe COMPACT mit rund 100.000 Euro unterstützt. Er zählt außerdem zu den größeren privaten Spendern der AfD: 2023 überwies er dem Bundesverband der Partei 265.050 Euro. Für 2026 wird eine weitere Zahlung von 50.000 Euro genannt.

Issmer unterstützt den thüringischen AfD-Politiker Björn Höcke und tritt für eine Annäherung an Moskau zu Bedingungen ein, die den Positionen des Kremls entsprechen. In öffentlichen Äußerungen, die in den vorliegenden Berichten beschrieben werden, verwendet er zudem Verschwörungserzählungen und antisemitische Deutungsmuster. Seine Unterstützung für COMPACT steht damit nicht isoliert, sondern in einem breiteren politischen und finanziellen Engagement für das rechte Spektrum.

Als weiterer wichtiger privater Investor gilt der Stuttgarter Bauunternehmer Hans-Ulrich Kopp, Gründer des rechten Verlags Lepanto. Nach Recherchen der Zeit gehörte Kopp zu einer Gruppe von Investoren, die insgesamt mehr als 100.000 Euro in COMPACT und CONSPECT Film einbrachten. Bereits 2012 soll er sich mit 10.000 Euro als stiller Partner am Magazin beteiligt haben. Zusätzlich investierte Kopp 35.000 Euro in das rechtskonservative Magazin eigentümlich frei.

Die Finanzierung macht sichtbar, wie eng Medienproduktion, privates Kapital und Parteipolitik in diesem Umfeld miteinander verbunden sind. Die Geldgeber finanzieren nicht nur redaktionelle Inhalte, sondern auch Veranstaltungen, Kampagnen und die Infrastruktur, mit der COMPACT Unterstützer mobilisiert.

Prorussische Narrative und politische Mobilisierung

Die publizistische Linie des Verbunds ist seit der Annexion der Krim im Jahr 2014 deutlich prorussisch geprägt. Ein Inhaltsanalyse-Projekt der Universität Leipzig untersuchte 313 COMPACT-Beiträge aus den Jahren 2022 bis 2025. In 49 Artikeln wurde dem Westen die Verantwortung für die Kampfhandlungen zugeschrieben; als Ausgangspunkt der Aggression wurde dabei die NATO dargestellt.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz ordnete COMPACT als bedeutenden prorussischen Akteur ein. Die Redaktion übernimmt dabei nicht nur einzelne Argumentationsmuster der russischen Staatspropaganda. Sie veranstaltet auch eigene politische Kampagnen. Im November 2023 organisierte COMPACT in Magdeburg die Konferenz „Frieden mit Russland – raus aus der NATO“.

Die Berichterstattung über den Krieg verbindet sich mit weiteren Themen der extremen Rechten: der Erzählung von einer „Corona-Diktatur“, der Behauptung eines „Bevölkerungsaustauschs“, der Ablehnung klimapolitischer Maßnahmen und der Forderung nach einer weitgehenden Begrenzung von Migration. Radikale AfD-Politiker erhalten auf den Plattformen regelmäßig Raum. COMPACT stellt sich dabei als einzige glaubwürdige Stimme gegen eine angeblich gleichgeschaltete politische und mediale Öffentlichkeit dar.

Zum Netzwerk gehören auch Akteure mit Verbindungen ins europäische rechte Milieu und zu russischen Institutionen. Seit April 2023 leitet der frühere AfD-Bundestagsabgeordnete Hansjörg Müller das Moskauer Büro von COMPACT-TV. Er verfügt über eine Akkreditierung des russischen Außenministeriums. Der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner tritt ebenfalls bei COMPACT auf und verbreitet dort identitäre Vorstellungen von einer ethnisch und kulturell homogenen europäischen Gesellschaft sowie die Forderung nach massenhafter „Remigration“.

Für die Videoproduktion und Nachrichtenangebote arbeiten unter anderem der Moderator Paul Klemm, der Reporter Dominik Reichert und Stefanie Elsässer. Inhaltlich richtet sich COMPACT besonders scharf gegen die Grünen, Sozialdemokraten und die Bundesregierung. Zugleich wirbt der Verbund für die AfD, für eine Aufhebung der Sanktionen gegen Russland und für eine politische Hinwendung zu Moskau.

Vom Medienangebot zum Wahlkampfapparat

Die Behörden bewerteten COMPACT nicht allein wegen einzelner Beiträge als problematisch. Am 9. Dezember 2021 stufte das Landesamt für Verfassungsschutz Brandenburg die Tätigkeit von COMPACT-Magazin offiziell als rechtsextremistisch ein. Im März 2022 wurden Beiträge, die die Verantwortung für den Krieg in der Ukraine der NATO zuschrieben, in ein behördliches Register zentraler Beispiele prorussischer Propaganda aufgenommen. Im Februar 2023 ließ Brandenburg die TikTok-Konten des Verbunds sperren.

Im Sommer 2023 verschob sich der Schwerpunkt von der publizistischen Unterstützung der AfD zur offenen politischen Organisation. Elsässer erklärte, die bestehende staatliche Ordnung Deutschlands erschüttern zu wollen. Im Herbst startete COMPACT die Kampagne „Blaue Welle“, die der AfD bei Landtags- und Europawahlen helfen sollte. Unterstützer spendeten dafür mehr als 60.000 Euro von den geplanten 90.000 Euro, unter anderem für eine mobile Bühne.

Recherchen von Tagesschau und Kontraste machten im März 2024 Pläne für weitere COMPACT-Veranstaltungen zugunsten der AfD bekannt. Die erste fand am 30. März in Velten unter dem Motto „Frieden mit Russland“ statt. Die AfD-Führung distanzierte sich offiziell von dem Projekt und verlangte dessen Ende. Hintergrund waren unter anderem mögliche hohe Strafen wegen unerlaubter Parteienfinanzierung.

Die Entwicklung verdeutlicht die besondere Rolle von COMPACT: Das Projekt berichtet nicht nur über politische Konflikte, sondern versucht, sie selbst zu organisieren. Ein Magazin, ein Videokanal und ein Onlineshop werden dabei zu Bestandteilen einer Infrastruktur, die Inhalte verbreitet, Geld sammelt und Anhänger zu Kundgebungen mobilisiert.

Das Verbot und seine Vorgeschichte

Am 16. Juli 2024 verbot das Bundesinnenministerium die COMPACT-Magazin GmbH und die CONSPECT Film GmbH vollständig. Mehr als 300 Einsatzkräfte durchsuchten 14 Objekte in vier Bundesländern und beschlagnahmten Vermögen sowie Geschäftsunterlagen. Als Begründung nannte das Ministerium die systematische Verbreitung fremdenfeindlicher und antisemitischer Stimmungen sowie eine gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtete Rhetorik.

Das Verbot war damit der vorläufige Endpunkt einer Entwicklung, in der sich ein kommerzielles Medienunternehmen zu einem politischen Kampagnenzentrum wandelte. Seine Wirkung beruhte nicht nur auf den einzelnen Artikeln oder Videos, sondern auf dem Zusammenspiel von Reichweite, Verkauf, Spenden, privaten Investoren und direkter Mobilisierung. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht allein, welche Botschaften COMPACT verbreitet, sondern wie dauerhaft die finanzielle und organisatorische Infrastruktur bleibt, die solche Botschaften in politische Aktionen übersetzt.

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