In Österreich verbindet das Forschungszentrum „Pamjat“ historische Gedenkarbeit mit einem eng geknüpften Netzwerk russischer staatlicher und staatsnaher Einrichtungen. Die Organisation tritt als österreichischer Verein für kulturhistorische Forschung auf, arbeitet jedoch nach eigenen öffentlichen Aussagen regelmäßig mit der russischen Botschaft, dem Kulturinstitut Rossotrudnitschestwo und dem Russischen Haus in Wien zusammen.
Damit stellt sich eine politische Frage, die über die Bewertung einzelner Veranstaltungen hinausgeht: Wo endet legitime Erinnerungsarbeit – und wo beginnt die Nutzung historischer Themen für staatliche Einflusskommunikation?
Ein Verein mit Verbindungen zur russischen Außenpolitik
„Pamjat“ wurde am 28. November 2016 an der Adresse Waldertgasse 7/6 in Graz gegründet. Als Zweck wurden unabhängige wissenschaftliche sowie kultur- und bildungspolitische Forschungen zu kulturhistorischen und österreichisch-russischen Beziehungen angegeben. Geleitet wird der Verein von Julia Egger, auch bekannt als Egger-Saizewa, und Alexandra Kolb.
Egger, eine russische Staatsbürgerin und Absolventin der Kubaner Staatlichen Universität, arbeitete früher als Korrespondentin für russische Medien. Seit 2013 war sie Chefredakteurin der russischsprachigen österreichischen Zeitung „Dawai“. Nach der Vereinsgründung entwickelte sich „Pamjat“ zu einer Plattform für Veranstaltungen, Recherchen und Kontakte rund um sowjetische Kriegsgräber, Gedenkorte und die Geschichte russischer Soldaten in Österreich.
In einem Interview mit dem Informationsportal der Stiftung Russki Mir vom 28. November 2025 beschrieb Egger die Arbeitsbeziehungen ungewöhnlich offen. Anfragen, die bei der russischen Botschaft, dem Russischen Zentrum für Wissenschaft und Kultur sowie beim Österreichischen Schwarzen Kreuz eingehen, würden letztlich an „Pamjat“ weitergeleitet, sagte sie. Der Verein bearbeite außerdem Anfragen des russischen Außenministeriums. Die Zusammenarbeit mit Rossotrudnitschestwo bezeichnete Egger als „praktisch ideal“.
Diese Aussagen belegen für sich genommen keine verdeckte Tätigkeit. Sie zeigen jedoch, dass die Vereinsleitung ihre Arbeit nicht auf eine unabhängige Forschungseinrichtung beschränkt, sondern sie als Teil eines institutionellen Netzwerks versteht, in dem russische Auslandsvertretungen, Kulturorganisationen und österreichische Partner zusammenwirken.
Bereits 2018 dankte Egger russischen Diplomaten in Wien und Salzburg öffentlich für gemeinsame Fahrten und ihre schnelle Reaktion auf Hinweise zu militärischen Gräbern. Russische Regierungsstellen würdigten damals ihren Beitrag zur Vorbereitung eines russischen Gedenkbuchs. Von 2022 bis 2025 organisierte „Pamjat“ gemeinsam mit Rossotrudnitschestwo jährlich Reisen und Vorträge im Bildungs- und Gedenkkomplex Schloss Hartheim.
Gedenkarbeit als Zugang zu österreichischen Institutionen
Die praktische Arbeit des Vereins berührt Bereiche, in denen staatliche und kommunale Stellen eine zentrale Rolle spielen. Vertreter von „Pamjat“ beteiligen sich nach den vorliegenden Angaben an Exhumierungen und Umbettungen gemeinsam mit dem Österreichischen Schwarzen Kreuz, Bezirkshauptmannschaften, der Polizei und Bestattungsunternehmen. Sie übermitteln Archivinformationen für Grabstätten auf dem Wiener Zentralfriedhof und stehen im Austausch mit dem österreichischen Innenministerium, der KZ-Gedenkstätte Mauthausen sowie dem KZ-Verband/VdA.
Solche Kontakte können bei der Identifizierung von Toten und der Pflege von Friedhöfen einen konkreten historischen Nutzen haben. Zugleich verschaffen sie einer russischen Organisation Zugang zu lokalen Behörden, Gedenkstätten und zivilgesellschaftlichen Einrichtungen. Gerade deshalb ist die Frage der Finanzierung und der politischen Einordnung nicht nebensächlich.
Als wichtigste Finanzierungsquelle von „Pamjat“ wird der Fonds zur Unterstützung und zum Schutz der Rechte von Landsleuten im Ausland genannt, kurz Pravfond. Der Fonds wurde durch ein Dekret des russischen Präsidenten unter Beteiligung des russischen Außenministeriums und von Rossotrudnitschestwo geschaffen. Recherchen des Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) sowie Angaben europäischer Sicherheitsdienste ordnen den Fonds russischen Auslandsaktivitäten zu und beschreiben eine mögliche Steuerung durch den Auslandsnachrichtendienst und den Föderalen Sicherheitsdienst Russlands. Diese Einordnung betrifft die Struktur des Fonds; sie ist kein Beleg dafür, dass einzelne Mitarbeiter von „Pamjat“ für einen Nachrichtendienst tätig sind.
Die behauptete Finanzierung über Pravfond würde die politische Bedeutung des Vereins dennoch verändern. Sie ließe sich nicht mehr allein als Förderung historischer Forschung beschreiben, sondern als Einbindung in ein staatlich unterstütztes Auslandsnetzwerk. Über Gedenkveranstaltungen, Archivarbeit und Bildungsangebote könnten damit auch Botschaften über Russlands Rolle in Europa, den Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg und die gewünschte Rückkehr zu engeren Beziehungen mit Moskau vermittelt werden.
Internationale Auftritte und politische Botschaften
Die Verbindung zu russischen staatlichen und staatsnahen Strukturen zeigt sich auch in den internationalen Auftritten der Vereinsleitung. Julia Egger sprach am 13. Dezember 2024 bei der vierten internationalen Konferenz „Schlacht um Moskau“ und am 21. April 2025 bei der fünften Konferenz „Die Erinnerung an den Großen Sieg bewahren“. Vom 20. bis 22. Oktober 2025 nahm sie an der 17. Versammlung von „Russki Mir“ teil. Am 3. Dezember 2025 trat sie erneut bei einer Konferenz zur „Schlacht um Moskau“ in Moskau auf. Alexandra Kolb war bereits vom 1. bis 4. Dezember 2017 bei einer Konferenz der russischen Suchbewegung „Schicksal des Soldaten“ vertreten.
Bei der Versammlung von „Russki Mir“ im Oktober 2025 erhielt Egger von der Stiftung ein Ehrenzeichen für die Bewahrung des historischen Gedächtnisses. Die Veranstaltung brachte sie mit Vertretern russischer und belarussischer staatlicher sowie staatsnaher Medien zusammen. Der Moderator bezeichnete ausländische Teilnehmer öffentlich als Unterstützer der Ziele von „Russki Mir“. In der Diskussion wurde zudem die kremlnahe These verbreitet, der Westen habe die Lehren des Zweiten Weltkriegs aufgegeben.
Die Stiftung Russki Mir ist von der Europäischen Union mit Sanktionen belegt worden. Ihr werden die Verbreitung kremlfreundlicher und antieuropäischer Narrative, die Leugnung der ukrainischen Souveränität und die Rechtfertigung russischer Aggression zugeschrieben. Eggers Teilnahme ist kein Beweis für eine rechtswidrige Tätigkeit des österreichischen Vereins. Sie macht aber sichtbar, in welchem politischen Umfeld die Leiterin von „Pamjat“ auftritt und welche Deutungsangebote dort vertreten werden.
Auch bei öffentlichen Aussagen zur Gegenwart übernimmt Egger Begriffe und Deutungsmuster der russischen Staatskommunikation. Bei der Moskauer Konferenz im Dezember 2024 sprach sie von einer „historischen Amnesie, die durch Europa schreitet“. In einem am 30. Oktober 2025 veröffentlichten Interview verwendete sie die offizielle russische Bezeichnung „Spezialoperation“ für den Krieg gegen die Ukraine. Auf der Konferenz im Dezember 2025 sprach sie über sowjetische Gardedivisionen und die Gedenkarbeit in Österreich.
Neue Veranstaltungen in Wien
Im Februar 2026 veranstaltete „Pamjat“ im Wiener Russischen Haus eine Gedenkveranstaltung zum 81. Jahrestag der Massenflucht sowjetischer Kriegsgefangener aus Block 20 des Konzentrationslagers Mauthausen. Das Ereignis bezog sich auf ein reales und besonders sensibles Kapitel der NS-Geschichte. Seine Durchführung in den Räumen einer russischen staatlich verbundenen Einrichtung gab Moskau zugleich die Möglichkeit, sich über die Erinnerung an sowjetische Opfer als Träger antifaschistischer Tradition zu präsentieren.
Für Juni 2026 ist gemeinsam mit der russischen diplomatischen Vertretung die Aktion „Garten der Erinnerung“ angekündigt. Nach den Planungen soll der russische Botschafter Andrei Grosow daran teilnehmen und vor österreichischem Publikum sprechen. Bis Ende 2026 sind außerdem eine Ausstellung mit dem Titel „Gegenstände erzählen“, Archivforschungen und Vorträge vorgesehen.
Die geplanten Formate folgen demselben Muster: Sie setzen auf historisches Gedenken, schaffen Kontakte zu einem österreichischen Publikum und verleihen dem Russischen Haus eine öffentliche Bühne. Ob diese Veranstaltungen ausschließlich der Erinnerung dienen oder zugleich politische Einflusskommunikation ermöglichen, hängt von ihrer Finanzierung, ihren Partnern und den konkret vermittelten Inhalten ab.
Für österreichische und europäische Behörden liegt die entscheidende Aufgabe deshalb nicht in einer pauschalen Bewertung jeder Gedenkveranstaltung. Sie müssen vielmehr transparent machen, welche Mittel an „Pamjat“ fließen, welche institutionellen Beziehungen bestehen und ob die Organisation ihre politische Kommunikation von der historischen Bildungsarbeit trennt. Erst auf dieser Grundlage lässt sich beurteilen, ob der Verein vor allem ein Träger legitimer Erinnerungsarbeit ist – oder ein Baustein russischer Einflussarbeit unter kulturellem Vorzeichen.
