Russische Unternehmen streichen Jahresprämien und sichern Liquidität
Russische Unternehmen streichen Jahresprämien und sichern Liquidität

Russische Unternehmen streichen Jahresprämien und sichern Liquidität

Oktober 10, 2026
3 min. lesezeit

Die Jahresprämie wird für viele Beschäftigte in Russland 2026 unsicher. In einer Umfrage unter 1.076 Unternehmen erklärten 36,2 Prozent, sie hätten die jährliche Prämie abgeschafft, obwohl sie 2025 noch gezahlt worden sei. Einschließlich der Unternehmen, die ihre Entscheidung auf unbestimmte Zeit vertagen, planen 46,9 Prozent keine Zahlung an die gesamte Belegschaft.

Nur 22,3 Prozent der befragten Firmen wollen das gesamte Personal garantiert prämieren. Weitere 10,4 Prozent planen eine Zahlung lediglich an einen Teil der Beschäftigten. Die Zahlen, über die am 9. Oktober 2026 unter anderem Sostav und Forbes berichteten, zeigen vor allem eines: Unternehmen behandeln freiwillige Vergütungen zunehmend als kurzfristig verfügbare Ausgaben.

Der Gewinn entscheidet über die Auszahlung

Für 56,9 Prozent der Teilnehmer waren die Geschäftsergebnisse des Jahres der wichtigste Faktor bei der Entscheidung über eine Prämie. Bei 23 Prozent gab der Eigentümer oder die Muttergesellschaft den Ausschlag. Die steuerliche Belastung und die Versicherungsbeiträge auf Prämien bestimmten die Entscheidung bei 8,8 Prozent der Befragten.

Die Notwendigkeit, Beschäftigte zu halten und zu motivieren, spielte dagegen eine deutlich geringere Rolle. Das ist wirtschaftlich bedeutsam: Jahresprämien lassen sich schneller kürzen oder verschieben als feste Gehälter. Für die Unternehmen entsteht dadurch kurzfristig Spielraum, ohne die regelmäßigen Lohnkosten unmittelbar neu zu ordnen.

Die Umfrage beweist nicht, dass jede Firma aus demselben Grund auf die Zahlung verzichtet. Zusammengenommen weisen die Ergebnisse jedoch auf eine vorsichtigere Finanzpolitik hin. Unternehmen versuchen, Geld für laufende Kosten, Lieferanten, Zinszahlungen und andere Verpflichtungen zurückzuhalten, während ihre Gewinnspannen unter Druck geraten.

Steuern, Kredite und höhere Produktionskosten

Das Umfeld für die Unternehmen ist schwieriger geworden. Der kumulierte Gewinn russischer Organisationen sank in den ersten sieben Monaten des Jahres 2026 im Jahresvergleich um 15,7 Prozent. Gleichzeitig stiegen mehrere Belastungen. Der Körperschaftsteuersatz war bereits zum 1. Januar 2025 von 20 auf 25 Prozent angehoben worden. Seit 2026 beträgt die Mehrwertsteuer 22 statt 20 Prozent. Für Unternehmen im vereinfachten Steuersystem wurde zudem die Umsatzschwelle für die verpflichtende Mehrwertsteuerzahlung von 60 Millionen auf 20 Millionen Rubel gesenkt.

Diese Änderungen treffen Unternehmen unterschiedlich stark, verringern aber dort, wo sie greifen, die verfügbaren Mittel. Besonders für kleinere und mittlere Firmen kann eine zusätzliche Steuerpflicht die Liquidität belasten, bevor sich höhere Umsätze in höheren Gewinnen niederschlagen.

Auch die Finanzierung bleibt teuer. Der Leitzins der russischen Zentralbank lag zum Zeitpunkt der Berichte bei 14 Prozent. Entsprechend hoch sind die Kosten für Unternehmenskredite. Bei üblichen Gewinnspannen können Kredite zu Zinssätzen von etwa 10 bis 15 Prozent wirtschaftlich kaum attraktiv sein, vor allem wenn die Nachfrage unsicher ist. Für viele Firmen konkurrieren Zinszahlungen damit direkt mit Investitionen, Löhnen und Wartungsausgaben.

Hinzu kommen steigende Herstellungskosten. Die Preise der Produzenten für Industriegüter lagen im August 2026 um 7,9 Prozent über dem Stand vom Dezember 2025. Im verarbeitenden Gewerbe betrug der Anstieg 7,6 Prozent. Unternehmen können diese Mehrkosten nicht immer vollständig an ihre Kunden weitergeben. Wenn die Preise nur begrenzt steigen dürfen, sinkt die Marge.

Für Firmen mit hoher Verschuldung verschärft sich die Lage zusätzlich. Kredite müssen unabhängig davon bedient werden, ob Umsatz und Gewinn den Erwartungen entsprechen. In einer solchen Situation ist die Jahresprämie eine der Ausgaben, die sich vergleichsweise rasch aufschieben lässt.

Eine Prämie als Puffer

Die Entscheidung gegen die Jahreszahlung ist daher nicht automatisch ein Zeichen unmittelbar bevorstehender Zahlungsunfähigkeit. Sie kann aber darauf hindeuten, dass Unternehmen ihre finanziellen Reserven vorsichtiger einsetzen. Besonders kleine und mittlere Betriebe haben häufig weniger Liquidität, um einen schwachen Monat, verspätete Kundenzahlungen oder einen weiteren Anstieg der Einkaufspreise abzufedern.

Die hohen Zinsen verändern zugleich die Kalkulation von Investitionen. Einlagen mit Renditen von etwa 13 bis 19 Prozent können für Unternehmen attraktiver wirken als Projekte in Produktion, Modernisierung oder Expansion, deren Ertrag unsicher ist. Teure Kredite erschweren zusätzlich die Anschaffung neuer Anlagen. Werden freie Mittel bevorzugt auf Konten gehalten und Investitionen verschoben, kann das die Erneuerung von Produktionskapazitäten verlangsamen.

Die Folge wäre nicht nur ein geringeres Einkommen am Jahresende. Ein länger anhaltender Sparkurs könnte auch die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen beeinträchtigen. Aus den Umfragedaten lässt sich allerdings nicht ableiten, wie viele Firmen ihre Investitionen tatsächlich kürzen oder wie viele Beschäftigte am Ende vollständig ohne Prämie bleiben.

Wenn im Haushalt Geld fehlt

Für viele Beschäftigte ist die Jahresprämie mehr als eine zusätzliche Anerkennung. Sie kann für größere Anschaffungen, die Rückzahlung von Schulden, Wohnkosten oder Ausgaben zum Jahreswechsel eingeplant werden. Wird die Zahlung gestrichen, sinkt das verfügbare Einkommen genau zu einem Zeitpunkt, an dem Haushalte häufig mehr Geld ausgeben.

Das kann den Einzelhandel, den Automobilsektor, Dienstleister und Teile der Bauwirtschaft treffen. Ein Rückgang der Einnahmen in diesen Bereichen wäre jedoch keine zwangsläufige Folge der Umfrage, sondern hängt unter anderem von der Höhe der Prämien, dem Lohnwachstum, den Ersparnissen der Haushalte und den endgültigen Entscheidungen der Unternehmen ab.

Besonders unsicher ist die Lage für die 20,4 Prozent der Arbeitgeber, die ihre Entscheidung auf unbestimmte Zeit verschoben haben. Diese Unternehmen haben die Zahlung nicht zwingend endgültig gestrichen. Für ihre Beschäftigten ist das Geld jedoch vorerst nicht planbar. Ob die Prämien später vollständig, gekürzt oder überhaupt nicht ausgezahlt werden, wird zeigen, wie dauerhaft der finanzielle Druck auf Russlands Unternehmen ist.

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