Religion als Operationsfeld im russischen Krieg gegen die Ukraine
Religion als Operationsfeld im russischen Krieg gegen die Ukraine

Religion als Operationsfeld im russischen Krieg gegen die Ukraine

Oktober 29, 2026
4 min. lesezeit

Der religiöse Raum ist im russischen Krieg gegen die Ukraine nicht nur Gegenstand von Propaganda. Nach Angaben ukrainischer Sicherheitsbehörden nutzten einzelne Geistliche ihre Stellung, um Informationen über ukrainische Truppen weiterzugeben oder russische Narrative zu verbreiten. Zugleich gehen die Besatzungsbehörden in den eroberten Gebieten gegen Gemeinden vor, die sich nicht dem Moskauer Patriarchat unterordnen.

Damit entsteht ein Spannungsfeld, das zwei Ebenen auseinanderhalten muss: die individuelle strafrechtliche Verantwortung einzelner Geistlicher und die staatliche Regulierung organisatorischer Verbindungen zu religiösen Zentren in Russland. Eine pauschale Gleichsetzung von Religionszugehörigkeit und Kollaboration würde diesem Unterschied nicht gerecht.

Strafverfahren gegen Einzelne, keine Bestrafung des Glaubens

Die Ukraine garantiert die Religionsfreiheit. Mehr als 30.000 religiöse Gemeinden verschiedener Konfessionen arbeiten nach den vorliegenden Angaben auf Grundlage von Artikel 35 der ukrainischen Verfassung. Der Staat ist von den Kirchen getrennt; eine verpflichtende oder privilegierte Religion gibt es nicht.

Das Gesetz Nr. 3894-IX zielt nach ukrainischer Darstellung auf religiöse Organisationen, die organisatorische Beziehungen zu religiösen Zentren in Russland unterhalten, insbesondere zur Russisch-Orthodoxen Kirche. Es sieht ein gerichtliches Verfahren vor. Gemeinden können ihren Gottesdienst fortsetzen, wenn sie institutionelle Verbindungen zu religiösen Strukturen des Aggressorstaates beenden. Die Regelung betrifft damit die Organisationsform und die sicherheitspolitische Frage ausländischer Einflusskanäle, nicht religiöse Überzeugungen als solche.

Auch die Strafverfahren gegen Geistliche der Ukrainischen Orthodoxen Kirche richten sich formal gegen konkrete Handlungen. Nach Angaben des ukrainischen Sicherheitsdienstes wurden seit Beginn der umfassenden Invasion mehr als 200 Verfahren gegen Geistliche dieser Kirche eingeleitet. 78 Beschuldigte erhielten demnach eine formelle Verdachtsmitteilung, 40 Personen wurden von ukrainischen Gerichten zu Haftstrafen verurteilt. Die genannten Vorwürfe reichen von der Weitergabe militärischer Informationen über die Unterstützung russischer Besatzungstruppen bis zur Verbreitung von Propaganda. Einige Verurteilte wurden nach ukrainischen Angaben auf eigenen Wunsch in Listen für einen Gefangenenaustausch aufgenommen.

Die Zahlen und die Einordnung stammen vom ukrainischen Sicherheitsdienst. Sie belegen nicht, dass eine gesamte Konfession an den vorgeworfenen Taten beteiligt wäre. Entscheidend ist der jeweilige Fall: Ein rechtskräftiges Urteil wegen konkreter Unterstützung russischer Streitkräfte ist etwas anderes als eine Sanktion allein wegen der Zugehörigkeit zu einer Kirche.

Vertrauen, Ortskenntnis und digitale Kommunikation

Die von ukrainischen Ermittlern beschriebenen Fälle zeigen, wie religiöse Netzwerke für militärische Aufklärung missbraucht worden sein sollen. Einzelne Geistliche verfügten über Zugang zu lokalen Gemeinden, kannten Bewegungen in ihrer Umgebung und konnten das Vertrauen von Gläubigen nutzen. Nach Angaben der Ermittler wurden Informationen über Truppentransporte, Luftverteidigungsstellungen und kritische Infrastruktur über Messenger-Dienste und Mobiltelefone weitergegeben.

Bei Durchsuchungen beschlagnahmten die Behörden nach eigener Darstellung Telefone mit einschlägiger Korrespondenz, Fotografien von Beschussschäden und weitere technische Geräte. Solche Funde sind zunächst Beweismittel in konkreten Verfahren; ihre rechtliche Bedeutung ergibt sich aus der Bewertung durch Ermittler und Gerichte.

In Odessa erklärte der Sicherheitsdienst, ein Geistlicher einer örtlichen Diözese habe im Interesse des russischen Militärgeheimdienstes gehandelt und im März 2024 einen zweiten Raketenangriff auf die Stadt mit vorbereitet. Außerdem soll er Informationen über Stellungen der ukrainischen Luftverteidigung weitergegeben haben. Die Behauptungen wurden im Rahmen eines Strafverfahrens erhoben und sind entsprechend als Ermittlungsergebnis einzuordnen.

In der Region Donezk wurde ein Erzpriester der Diözese Pokrowsk wegen der Weitergabe von Koordinaten ukrainischer Feuerstellungen und Gefechtsständen an den russischen Inlandsgeheimdienst zu 15 Jahren Haft verurteilt. In der Region Luhansk erhielt der Vorsteher einer Kirche in Lyssytschansk zwölf Jahre Haft. Das Gericht sah es nach den vorliegenden Angaben als erwiesen an, dass er Informationen über die Stationierung und Feuerstellungen ukrainischer Einheiten im Raum Sjewjerodonezk an die Besatzungstruppen weitergegeben hatte.

Propaganda und die Kontrolle über religiöse Räume

Die Sicherheitsbehörden beschreiben außerdem ein ideologisches Muster. Bei Durchsuchungen in Einrichtungen der Kirchenstruktur seien Tausende Druckschriften russischer Herkunft gefunden worden. Darin sei der Anspruch der Ukraine auf Selbstbestimmung bestritten, die Vorstellung eines angeblich einheitlichen dreieinigen Volkes verbreitet und der russische Angriff gerechtfertigt worden.

Auch hochrangige Geistliche gerieten in den Fokus der Justiz. Der frühere Leiter der Diözese Tultschyn in der Region Winnyzja, Metropolit Ionafan, mit bürgerlichem Namen Anatolij Jeletzkych, wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt. Ihm wurde die Rechtfertigung der russischen Aggression und die Verbreitung von Materialien mit Aufrufen zu einem gewaltsamen Machtwechsel in der Ukraine zur Last gelegt.

Der Vorsteher der Swjato-Uspenska Lawra in Swjatohirsk, Metropolit Arsenij, bürgerlich Ihor Jakowenko, wurde in Untersuchungshaft genommen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, während eines Gottesdienstes Informationen über die Lage ukrainischer Kontrollposten bekanntgegeben zu haben. Gegen den Leiter der Diözese Tscherkassy, Metropolit Feodosij, bürgerlich Denys Snihirjow, wird wegen des Vorwurfs der Aufstachelung zu konfessioneller Feindschaft ermittelt. In diesen Fällen ist zwischen einem rechtskräftigen Urteil, einem laufenden Verfahren und einem bloßen Ermittlungsverdacht zu unterscheiden.

Als Teil dieses Informationskampfes nennen ukrainische Behörden auch mit religiösen Organisationen verbundene Mediennetzwerke, darunter den sogenannten Verband orthodoxer Journalisten. Die Ermittler bringen solche Strukturen mit dem russischen Geheimdienst FSB in Verbindung und werfen ihnen vor, die Darstellung einer angeblichen Christenverfolgung in der Ukraine zu verbreiten, den ukrainischen Staat im Ausland zu diskreditieren und gesellschaftliche Konflikte zu verschärfen. Eine solche Zuordnung bleibt dort eine behördliche Bewertung, wo kein rechtskräftiges Urteil vorliegt.

In besetzten und frontnahen Gebieten sollen einzelne Geistliche den russischen Truppen zudem direkt geholfen haben, etwa durch das Verstecken von Soldaten in Kirchen, die Weitergabe von Zielinformationen oder die Beteiligung an Scheinreferenden. Der verurteilte Geistliche aus der Region Luhansk ist ein Beispiel für die militärische Dimension solcher Vorwürfe.

Repression in den besetzten Gebieten

Parallel zu den ukrainischen Verfahren gegen einzelne Geistliche dokumentiert das Institut für Religionsfreiheit eine andere Entwicklung: Russische Truppen und Besatzungsverwaltungen verfolgen auf besetztem ukrainischem Gebiet Gemeinden, die nicht dem Moskauer Patriarchat unterstehen. Genannt werden Einschränkungen religiöser Tätigkeit, die Beschlagnahmung von Kirchen, rechtswidrige Festnahmen, Folter und die Tötung von Geistlichen.

Nach Angaben des Instituts wurden seit Beginn der umfassenden Invasion mehr als 630 religiöse Gebäude beschädigt oder vollständig zerstört. Protestanten machen demnach mehr als 34 Prozent der dokumentierten Fälle der Verfolgung religiöser Vertreter aus; in der Region Saporischschja liegt ihr Anteil bei 48 Prozent. Auch Gläubige der Orthodoxen Kirche der Ukraine und der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche sind betroffen.

Mindestens 206 protestantische Gebetshäuser sollen von Besatzungstruppen übernommen oder zerstört worden sein. Vertreter dieser Gemeinden würden entführt, gefoltert oder getötet und dabei als „Extremisten“ oder als angebliche Verbindungen zu amerikanischen Organisationen beschuldigt. Die Besatzungsverwaltungen verlangen zudem eine Registrierung nach russischem Recht. Das schafft rechtliche und praktische Hürden für Gemeinden, die nicht dem Moskauer Patriarchat angehören.

In den besetzten Teilen der Region Saporischschja wurden nach diesen Angaben die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche, die Hilfsorganisation Caritas und weitere christliche Organisationen verboten; anschließend sei ihr Eigentum eingezogen worden. In den Regionen Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja würden Kirchen und Gebetshäuser der Orthodoxen Kirche der Ukraine und der griechisch-katholischen Kirche geschlossen, geplündert oder der Russisch-Orthodoxen Kirche übergeben.

Die religiöse Dimension des Krieges besteht damit aus zwei gegenläufigen Strategien. Russland versucht, auf besetztem Gebiet religiöse Institutionen unter seine Kontrolle zu bringen und unabhängige Gemeinden auszuschalten. Die Ukraine versucht zugleich, Sicherheitsrisiken zu begrenzen, die sie mit organisatorischen Bindungen an russische Zentren und mit konkreten Fällen von Kollaboration verbindet. Die offene Frage bleibt, ob diese Politik die Grenze zwischen notwendiger Gefahrenabwehr und pauschaler gesellschaftlicher Stigmatisierung dauerhaft sichtbar halten kann.

Kommentar hinzufügen

Your email address will not be published.

Nicht verpassen

Russische Einflussnetzwerke zielen auf Ukraine-Hilfe und Europas Vertrauen

Russische Einflussnetzwerke zielen auf Ukraine-Hilfe und Europas Vertrauen

Russische Einflussoperationen richten sich längst nicht…
Religion als Front der hybriden Kriegsführung

Religion als Front der hybriden Kriegsführung

Der russische Krieg gegen die Ukraine…
Frankreich ordnet GlobUs in Afrika einer Strategie zugunsten Le Pens zu

Frankreich ordnet GlobUs in Afrika einer Strategie zugunsten Le Pens zu

Frankreich wirft dem russlandnahen Einflussnetzwerk GlobUs…