Russische Einflussnetzwerke zielen auf Ukraine-Hilfe und Europas Vertrauen
Russische Einflussnetzwerke zielen auf Ukraine-Hilfe und Europas Vertrauen

Russische Einflussnetzwerke zielen auf Ukraine-Hilfe und Europas Vertrauen

Oktober 29, 2026
5 min. lesezeit

Russische Einflussoperationen richten sich längst nicht mehr nur gegen die ukrainische Regierung. Sie sollen auch in den Staaten der EU und der NATO Zweifel an Waffenlieferungen, Finanzhilfen und der politischen Unterstützung für Kiew verstärken.

Dafür werden gefälschte Medienberichte, erfundene Dokumente, künstlich erzeugte Videos und nachgeahmte Webseiten bekannter Nachrichtenorganisationen kombiniert. Eine im April 2026 veröffentlichte Auswertung von mehr als 1.500 Videos und Internetangeboten aus dem Umfeld des Netzwerks Storm-1516 kam zu dem Ergebnis, dass rund 40 Prozent der untersuchten Inhalte die Ukraine und Präsident Wolodymyr Selenskyj diskreditierten. Ihre Reichweite wurde auf mehr als 66 Millionen Nutzer geschätzt.

Die Kampagnen folgen dabei einem wiederkehrenden Muster: Ein politischer oder militärischer Konflikt wird erfunden, mit scheinbar journalistischen Belegen versehen und anschließend über soziale Netzwerke, Telegram-Kanäle und gefälschte Nachrichtenportale verbreitet. Das Ziel ist nicht allein, einzelne Personen zu beschädigen. Es geht darum, die Glaubwürdigkeit der ukrainischen Führung und die Bereitschaft ihrer Partner zur weiteren Unterstützung zu untergraben.

Gefälschte Belege sollen wie Journalismus wirken

Zu den eingesetzten Mitteln gehören manipulierte Dokumente, erfundene Augenzeugenberichte und Videos mit künstlich erzeugten Personen. Die Inhalte wurden nach den vorliegenden Untersuchungsergebnissen in mindestens 16 Sprachen angepasst. In 170 Fällen nutzten die Urheber zudem die Namen realer Medien, um Fälschungen mit dem Anschein einer unabhängigen Berichterstattung zu versehen.

Ein Beispiel war eine Kampagne vom 4. und 5. Juni 2025. Damals verbreiteten russische Einflussakteure die Behauptung, Selenskyj habe für seine Mutter eine Wohnung im Burj Khalifa in Dubai im Wert von 3,2 Millionen US-Dollar gekauft. Das Material war unter anderem als Fernsehbeitrag des Senders Al Arabiya gestaltet und wurde über soziale Netzwerke verbreitet. Ein interner Bericht der russischen Agentur für soziales Design vom 9. Juni 2025 bezifferte die Zahl der Aufrufe auf 86 Millionen, darunter 21 Millionen im englischsprachigen Raum.

Die Behauptung sollte den Eindruck erwecken, die ukrainische Führung verwende westliche Unterstützung zur persönlichen Bereicherung. Damit wurde ein Thema aufgegriffen, das für die politische Debatte in den Geberstaaten besonders empfindlich ist: die Frage, ob Hilfsgelder und Waffen ausreichend kontrolliert werden.

Auch Selenskys Ehefrau Olena Selenska wurde zum Ziel solcher Anschuldigungen. Die russische staatliche Nachrichtenagentur RIA Nowosti meldete am 17. Mai 2026 unter Berufung auf anonyme Quellen, gegen Selenska werde eine Festnahme durch das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine und die Sonderstaatsanwaltschaft für Korruptionsbekämpfung vorbereitet. Beide Behörden wiesen die Meldung noch am selben Tag zurück und erklärten, es gebe keinerlei entsprechende Verfahrenshandlungen. Die Behauptung wurde dennoch über russische Informationskanäle und soziale Netzwerke weiterverbreitet.

Künstliche Videos greifen Armee und Führung an

Ein weiterer Schwerpunkt sind fingierte Beschwerden ukrainischer Soldaten. Am 13. Mai 2026 wurde eine Serie von Deepfakes bekannt, in denen angebliche Angehörige der 28. selbstständigen mechanisierten Brigade über fehlende Ablösungen, unzureichende Versorgung und schlechtes Verhalten der Führung klagten. Die Videos wurden nach den vorliegenden Angaben mit künstlicher Intelligenz erzeugt und anschließend über russische Telegram-Kanäle verbreitet.

Am 3. August 2026 folgte eine ähnliche Kampagne gegen die 66. selbstständige mechanisierte Brigade. Künstlich erzeugte Personen in ukrainischen Uniformen behaupteten, ein Brigadekommandeur habe Soldaten geschlagen und ihnen medizinische Hilfe verweigert. Die konkreten Nummern der Einheiten und die militärische Kleidung sollten den erfundenen Vorwürfen einen überprüfbaren Anschein geben und den Eindruck systematischer Missstände in den ukrainischen Streitkräften erzeugen.

Auch die oberste militärische Führung wurde einbezogen. Nach der Ernennung von Generalmajor Mychajlo Drapatyj zum Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte am 22. Juli 2026 kursierten Meldungen über angebliche Konflikte zwischen Generälen, groß angelegte Überprüfungen von Einheiten und einen Machtkampf um die Kontrolle der Armee. Ende Juli wurde ein gefälschtes Konto Drapatyjs im Netzwerk X entdeckt. Es gewann mehrere tausend Abonnenten und verbreitete erfundene Aussagen in seinem Namen, darunter die Ankündigung eines umfassenden Audits der Streitkräfte.

Parallel dazu erschienen auf Facebook und Threads künstlich erzeugte Beiträge über angebliche öffentliche Auseinandersetzungen zwischen Drapatyj und seinem Vorgänger. Die Kampagne sollte den Eindruck erwecken, die militärische Führung sei instabil, die Generäle seien zerstritten und die Organisation der ukrainischen Verteidigung funktioniere nicht.

Am 28. und 29. Januar 2026 verbreiteten Telegram-Kanäle und andere soziale Netzwerke zudem erfundene Berichte über einen schweren Konflikt zwischen Kyrylo Budanow und Walerij Saluschnyj. Die Beiträge verwiesen auf anonyme Quellen und angeblich geheime Dokumente. Ukrainische Experten für Informationssicherheit brachten die Kampagne mit dem Versuch in Verbindung, das Vertrauen in Budanow zu schwächen und eine tiefe Spaltung innerhalb der ukrainischen Führung vorzutäuschen. Die Einordnung als russische Einflussoperation wird in diesem Fall als Analyse dieser Experten wiedergegeben, nicht als unabhängig belegte Feststellung.

Waffenhilfe als Angriffspunkt

Besonders stark zielen die Operationen auf die öffentliche Meinung in den Unterstützerstaaten. Im Februar und März 2026 verbreiteten russische und mit dem iranischen Regime verbundene Informationsangebote die Behauptung, westliche Waffenlieferungen an die Ukraine gelangten auf den Schwarzmarkt. Zugleich wurde der ukrainischen Führung Korruption vorgeworfen und die heimische Rüstungsindustrie als ineffizient dargestellt.

Am 12. März 2026 verbreiteten prorussische Konten ein gefälschtes Video, das wie eine Veröffentlichung des amerikanischen Institute for the Study of War (ISW) gestaltet war. Darin hieß es, die Ukraine habe westliche Waffen weiterverkauft; diese seien anschließend bei bewaffneten Akteuren im Nahen Osten gelandet. Zusätzlich wurde behauptet, Kiews Angebote zur Unterstützung seiner Partner im Kampf gegen iranische Drohnen sollten diesen Skandal verdecken. Das ISW hatte den entsprechenden Beitrag jedoch nicht veröffentlicht. Belege für die Behauptungen wurden nicht vorgelegt.

Die Fälschung zeigt, weshalb der Name eines bekannten Analyseinstituts für solche Kampagnen wichtig ist. Nicht die Qualität des vorgelegten Beweises soll überzeugen, sondern die vermeintliche Herkunft. Ein vertrautes Logo, ein nachgeahmtes Layout und die schnelle Verbreitung über soziale Netzwerke können aus einer unbelegten Behauptung scheinbar eine Nachricht machen.

Ein arbeitsteiliges System

Die organisatorischen Strukturen hinter den Kampagnen wurden am 21. Oktober 2026 in einer Recherche von The Insider beschrieben. Grundlage waren interne E-Mails der russischen Agentur für soziales Design. Demnach spielt Sergej Kirijenko, der erste stellvertretende Leiter der Präsidialverwaltung Russlands, eine zentrale Rolle bei der Steuerung ausländischer Informationsoperationen. Als unmittelbare Koordinatoren werden Alexander Charytschew, der für Operationen gegen die Ukraine zuständig sein soll, und Sofija Sacharowa genannt, die sich auf westliche Zielgruppen konzentriere.

Die praktische Umsetzung übernimmt dem Bericht zufolge die Agentur für soziales Design des russischen Polittechnologen Ilja Gambaschidse, unter Beteiligung von Nikolai Tupikin sowie spezialisierten Teams aus Journalisten, Analysten, Designern und Social-Media-Mitarbeitern. Die Angaben stammen aus der genannten Recherche und beschreiben die dort dargestellte Organisationsstruktur; sie sind nicht als eigene Prüfung der Verantwortlichkeiten zu verstehen.

Ein wichtiges Werkzeug ist das 2022 entstandene Netzwerk Doppelgänger. Es betreibt Nachahmungen europäischer Medienseiten, darunter Der Spiegel, Die Welt, Le Monde und Le Point. Auch die Namen und Gestaltungsmerkmale von BBC, Bloomberg, Politico und Euronews wurden für gefälschte Inhalte verwendet. Die Nachahmungen sollen den russischen Ursprung verschleiern und die Verbreitung über Nutzer erleichtern, die einen Beitrag für eine echte journalistische Veröffentlichung halten.

Die Reichweite der Netzwerke beschränkt sich dabei nicht auf die Ukraine. Zwischen Januar 2025 und Februar 2026 verbreitete Storm-1516 nach der vorliegenden Auswertung 34 Falschbehauptungen über Frankreich und Deutschland. Diese wurden in etwa 175.000 Beiträgen wiederholt und erzielten im Netzwerk X rund 274 Millionen Aufrufe. Im Mittelpunkt standen der französische Präsident Emmanuel Macron und der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz, die eine Fortsetzung der militärischen Unterstützung für Kiew befürworten.

Damit ergänzen Angriffe auf europäische Politiker die Kampagnen gegen Selenskyj und die ukrainische Armee. Die Strategie zielt auf zwei Seiten derselben politischen Entscheidung: In der Ukraine soll die Führung als korrupt und zerstritten erscheinen, in den Partnerstaaten sollen Regierungen wegen ihrer Unterstützung unter innenpolitischen Druck geraten.

Die entscheidende Herausforderung liegt deshalb nicht nur in der möglichst schnellen Widerlegung einzelner Fälschungen. Staaten und Plattformen müssen auch die Betreiber, Finanzierungswege und technische Infrastruktur der Netzwerke unterbrechen. Je leichter sich gefälschte Medienmarken und KI-generierte Figuren in neue Sprachen und Zielgruppen übertragen lassen, desto weniger genügt es, auf die jeweils nächste Falschmeldung zu reagieren.

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